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Glauben

Die andere Seite der Weihnachtsgeschichte

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Fra Angelico: Flucht nach Aegypten (Florenz Museo di San marco, aus: The Yorck Project)

Andacht von Pfarrer Joachim Lauterjung

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe;
denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
(Lukas 2,7)

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging …“. Wir alle kennen und lieben sie, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Gewiss, auch dort sind die Umstände der Geburt Jesu nicht so geborgen und kuschelig, wie wir uns das unter dem Weihnachtsbaum gerne vorstellen: „Sie fanden keinen Platz in der Herberge“. Dramatisch aber ist die Weihnachtsgeschichte, wie der Evangelist Matthäus sie erzählt. Schon das neugeborene Kind schwebt in Lebensgefahr. Herodes, ein psychopathischer Diktator, sieht in ihm einen Konkurrenten, den er umbringen muss. Das kostet ungezählte Kinder in Bethlehem und Umgebung das Leben: „man hat ein Geschrei gehört, ein Weinen und Wehklagen“ – so beschreibt der Evangelist die Situation. Der Schmerz dieser weihnachtlichen Worte klingt für mich erschreckend aktuell.

Jesus entkommt dieser Not. Seine Eltern retten sich mit dem Kind nach Ägypten. Als ein Flüchtling unter ungezählten Namenlosen. Lebte der Heiland der Welt als Kind unerkannt in einem Lager wie auf Lesbos? Wer ließ die kleine Familie über die Grenze? Wer gab ihr ein Dach über dem Kopf, wer die Kleidung und wer das tägliche Brot? Oder schliefen sie am Straßenrand und mussten sich alles erbetteln? Erst Jahre später – nach dem Tod des mörderischen Diktators – war eine Heimkehr möglich. Wann werden die Menschen aus Syrien in ihre einst so schöne und heute zum Trümmerfeld gewordene Heimat zurückkehren können? Was wird aus den ruinierten Biografien und Seelen?

Diese Fragen haben offensichtlich mehr mit der Weihnachtsgeschichte zu tun als wir ahnen. Aber sie sind unbequem.

Dass die Geschichte von der Flucht nach Ägypten in der Geschichte der Malerei weit seltener aufgegriffen wird als die Geschichte von der Krippe und den Hirten, von Ochs und Esel, überrascht mich deshalb nicht. Aber sie findet sich. So zum Beispiel in einem Werk von Fra Angelico aus dem 15. Jahrhundert. Mich fasziniert dieses kleine Gemälde. Aber ich frage ich mich: Wie passt die Anmut dieses Bildes zu der Geschichte, von der es erzählt? Wie passt unser Weihnachtsfest zu dem, was wir feiern?

Die Fragen werden nur noch bedrängender, wenn ich mir den Ursprung dieses Kleinods vor Augen führe: Es stammt aus einem Bildzyklus zu Szenen aus dem Leben Christi für einen Schrank zur Aufbewahrung von Silbergeschirr in der Kirche Santissima Annunziata in Florenz. Ich stelle mir also vor, wie der Priester einer offenkundig wohlhabenden Gemeinde in seiner reich ausgestatteten Kirche an den Schrank tritt, um ihm wertvolles Silber zu entnehmen. Vielleicht freut er sich auf ein großes weihnachtliches Fest. Und nun sieht er sich dem Flüchtlingskind Jesus von Nazareth gegenüber und liest die biblischen Worte, die der Künstler in seinem Werk verewigt hat:

„Seht, weit in die Ferne floh ich, und blieb in der Einsamkeit, denn ich sah Unrecht und Zank in der Stadt.“ (Ps 55,8.10)
„Steh auf, und nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten.“ (Matthäus 2,13)