Zum Inhalt springen

Glauben

Emmaus: Ein Weg (Probepredigt von Pfarrerin Anne-Berit Fastenrath am 13.6.2021)

Die Kirche meiner Kindheit wurde neulich entwidmet. Sie bleibt stehen, aber die Kita von Nebenan zieht dort ein. An dem Tag, als dort der letzte Gottesdienst stattfand, bin ich mit meinem jüngsten Bruder noch einmal in den Raum gegangen, in dem wir jahrelang Kindergottesdienst gefeiert hatten.

Dort sah schon nichts mehr so aus, wie es einmal war. Der große runde Tisch mit den festen Sitzbänken drum herum wurde schon vor Jahren entfernt. Ganze Generationen von Konfis hatten ihre Kaugummis darunter geklebt und ihre Namen eingeritzt. Die Kaugummis fand ich zwar immer eklig, aber das Wissen, dass schon so viele vor mir an dem Tisch gesessen haben, schön. Und ich fand es schön, einen festen Ort zu haben. Ob als Kind oder später als Kindergottesdiensthelferin. Nicht erst Stühle und Tische rücken zu müssen, sondern einfach platznehmen zu dürfen. Es sich dort auf der Bank gemütlich zu machen, den Geschichten zu lauschen, Kresse zu pflanzen, zu singen und zu beten. Das war MEIN Ort dafür. Was außerdem noch weg war – und irgendwie war das sogar noch schlimmer – war das Wandbild, das ich mir so viele Jahre angeschaut hatte. Auf ihm waren die Emmausjünger zu sehen. Sie saßen auch an einem Tisch und brachen mit Jesus das Brot. Darunter stand ein Satz, den ich mir erst vorlesen lassen musste und später immer wieder selbst las: „Gott bewahrt nicht vor Nöten, sondern in Nöten.“ So oft habe ich ihn gelesen und so lange nicht verstanden. Manchmal verstehe ich ihn immer noch nicht.

Liebe Gemeinde, dieses Bild im Kindergottesdienstraum war mein erster Kontakt mit der Geschichte der Emmausjünger. Der Geschichte, die Sie als Namensgeberin für Ihre neufusionierte Gemeinde gewählt haben. Sie haben sich mit ihr beschäftigt, Ihr Gemeindekonzept ist darauf aufgebaut. Man kann also vermuten: Sie sind Expert:innen für diese Geschichte. Was soll ich Ihnen da noch erzählen, das Sie nicht schon wüssten?

Also habe ich mich entschieden, Ihnen von der Frage zu erzählen, die mich an dieser Geschichte beschäftigt, seitdem ich Kind in diesem Kindergottesdienstraum war: Wie kann es sein, dass zwei Männer ihren eigenen Freund nicht erkennen? Als 5-Jährige war das für mich nicht erklärbar. Und glauben Sie mir, ich habe andere Menschen Löcher in den Bauch gefragt, aber es wollte einfach nicht in meinen Kopf. Als Erwachsene bin ich auf verschiedene Antwortmöglichkeiten gestoßen. Natürlich auch auf die Theologische: Jesus sah nach seiner Auferstehung vielleicht anders aus. Er hatte einen neuen Körper bekommen und war deshalb für viele nicht erkennbar. Es waren ja nicht nur die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus, die Jesus nicht erkannt haben, sondern noch viele mehr. Ja, das mag eine Erklärung sein. Ich würde persönlich aber auch nicht damit rechnen, dass mein verstorbener Freund plötzlich neben mir spaziert. Sie etwa?

Sie merken, diese Antwort hat mich nicht zufriedengestellt. Ich glaube, die Antwort ist viel näher an uns und unseren Leben zu finden: In größter Traurigkeit sind unsere Blicke oft getrübt. Getrübt von Tränen und all den dunklen Gedanken, die sich ihren Weg in unsere Herzen bahnen. Unsere Köpfe sind geneigt von der ganzen Last der Trauer, von all den Ängsten und Sorgen, die schwer auf unseren Schultern liegen. Wir können nicht viel mehr sehen als unsere eigenen Füße und hoffen, dass wenigstens diese uns noch ein Stück weitertragen. So weit, bis die Trauer vielleicht ein wenig verblasst und die Last ein wenig leichter geworden ist. Worte und gut gemeinte Ratschläge, Begegnungen im Supermarkt und beim Spazierengehen – was davon dringt zu uns vor, wenn wir wirklich traurig sind?

Wahrscheinlich gar nicht so viel. Und das ist in Ordnung. Denn es ist auch wichtig, einfach einmal traurig sein zu dürfen und die Welt um sich herum auszuschalten. Untröstlich zu sein und auch sein dürfen. Es ist in Ordnung. Ein „Lach doch mal!“ oder „Schau doch mal, was alles gut in deinem Leben ist.“ helfen mir persönlich auch eher selten weiter. Keine „guten Tipps“, sondern Handlungen sind das, was mir dabei hilft, dem Leben wieder die Hand zu reichen. Eine Postkarte, ein gutes Essen, eine Einladung, ein Anruf, ein Segen.

Nichts anderes ist den Emmausjüngern geschehen. Sie waren so traurig, dass sie nichts anderes wahrnehmen konnten als sich selbst. Die Worte des fremden Mannes haben sie nicht erreicht, aber sie haben Jesus erkannt, als er das Brot mit ihnen brach. Als er ihnen etwas Gutes tat. Und plötzlich fielen ihnen auch wieder die Worte ein, die er auf dem Weg zu ihnen gesprochen hatte. Jetzt, als sie bereit waren, konnten sie sie annehmen.

Die Emmausjünger sind für mich über die Jahre gute Ratgeber im Umgang mit Trauer geworden. Ich habe von ihnen lernen dürfen: Trauer braucht Zeit. Und wir brauchen Geduld. Mit uns und unseren Mitmenschen. Trauer braucht Begleitung und gute, ernst gemeinte Worte, die vielleicht irgendwann ins Herz treffen. Trauer braucht Handlungen, die die Trauernden wieder ins Leben zurückrufen. Trauer braucht Offenheit. Die Offenheit, damit zu rechnen, dass es wieder besser werden kann. Und Trauer braucht Gott. Gott, der immer neben uns ist. Der nicht müde wird, mit uns zu sprechen, auch wenn wir es nicht hören können oder wollen. Gott, der nicht müde wird, den weitesten Weg mit uns zu gehen. Und uns am Ende dieses Weges zeigt, dass er die ganze Zeit dabei war.

Und das ist eben das große Plus, das wir als Christ:innen haben. Bei allem, was uns in unserem Leben traurig machen kann, wissen wir: Wir sind nicht alleine. Gott ist da. Selbst der Tod ist für uns kein Ende mehr, denn wir hoffen darauf, dass es danach weitergeht. Das ist kein billiger Trost, der es uns verbieten möchte, um all das zu trauern, was wir in unserem Leben verlieren. Deshalb hat Jesus sich den Jüngern ja nicht sofort offenbart, hat nicht sofort das Brot mit ihnen gebrochen. Sondern hat ihnen Zeit gelassen, um zu trauern. Weil er wusste, dass das zum Leben gehört – und dass das heilsam ist auf dem Weg zum Wieder-Froh-Werden.

Ja, die Geschichte von den Emmausjüngern ist für mich eine Geschichte vom Traurigsein, aber eben auch eine vom Wieder-Froh-Werden-Dürfen. Eine Geschichte von Abschied und Neuanfang. Eine Geschichte davon, dass wir uns nicht alleine lassen dürfen. Und eine perfekte Geschichte für eine neufusionierte Gemeinde. Denn auch von Ihnen hier waren wahrscheinlich einige traurig oder sind es noch. Von Einigem mussten Sie sich verabschieden, Manches hinter sich lassen. Vielleicht dauert es noch einen Moment, bis Sie Ihren Blick wieder heben können. Vielleicht dauert dieser Weg für Sie einfach noch ein kleines Stückchen länger. Andere hier sind dafür bestimmt fröhlich gestimmt und freuen sich auf jeden Neuanfang, der da kommen mag. Auf dem Weg sind wir aber alle. Und ich sage es einmal so: Ankommen macht gemeinsam am meisten Spaß. Dafür brauchen die einen ein bisschen Geduld und die anderen die Hoffnung darauf, dass der Weg sich lohnt. Und das wird er schon! Manchmal hilft dabei auch der Gedanke, dass unsere Wege, die wir durch das Leben gehen, Etappen sind. Auch für die Emmausjünger war der Weg mit dem Auferstandenen nur eine Etappe.

Eine wichtige zwar, aber dennoch nur eine Etappe. Danach ging es voller Freude und voller neuer Erkenntnis zurück zu den anderen Jüngern und damit zurück ins Leben. Wie sieht das Leben wohl in der Emmaus-Gemeinde aus, wenn diese Fusionsetappe abgeschlossen ist? Was werden Sie einander erzählen? Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen? Wem sind Sie auf diesem Wegstück begegnet, den Sie vorher noch nie wahrgenommen haben? Und: Ist das nicht alles auch einfach aufregend und spannend?

Auch für die Kirche meiner Kindheit ist eine Etappe vorbei. Jetzt ist sie keine Kirche mehr, aber in ihr sind Leben und Lachen. Ein neuer Abschnitt beginnt. Das ist auch schön. Das Bild an der Wand von den Emmausjüngern ist zwar verschwunden, aber die Wand ist nicht leer. Blumen und Schmetterlinge und Bienen schmücken sie nun. Sie wurden von Kinderhand gemalt, sie sind krumm und schief und herrlich bunt.

Mein kleiner Bruder, der viel größer ist als ich, hat einen Arm um mich gelegt, als wir davorstanden. Ein paar Tränen flossen. „Gott bewahrt nicht vor Nöten, sondern in Nöten“ stand früher unter dem Bild. In diesem Moment habe ich es verstanden.

Amen. 

Zurück
3_Reiter_Foto_Klaus_Blatt_P1150197.jpg
Foto: Klaus Blatt