Zum Inhalt springen

Glauben

Johannes 3, 1-15 Predigt vom 30.5.2021

Endlich!

Endlich wieder durchatmen!

Sind Sie auch erleichtert und atmen auf?

Inzidenzwert unter 50.

Vielleicht schon selber geimpft - zumindest einmal.

Und das gestrige Testergebnis negativ - wie positiv für uns!

Es gibt wieder Möglichkeiten zusammenzukommen ohne vor Schreck und Sorge den Atmen anzuhalten.

 

Und nun sogar ein Gottesdienst im Freien - für die Margarethenhöhe etwas verspätet, denn Himmelfahrt ist schon vorbei - aber nun eben doch: zu Beginn der grünen Trinitatiszeit ein gemeinsamer Gottesdienst im Grünen an der frischen Luft und alle können durchatmen. Wie neugeboren fühlt sich das an! Und der frische Wind, der in den vergangenen Tagen auch kräftig stürmte, hat uns noch dazu das schöne Wetter herbei geweht, als hätten wir es so bestellt.

Dabei steht er völlig außerhalb unserer Macht. Der Wind weht, wo er will.

Das bekommt auch Nikodemus zu hören.

Nikodemus ist Ihnen/Euch unbekannt?

Nun - er lebte zur Zeit Jesu, war theologisch sehr gebildet, ein Lehrer des Glaubens in Israel.

Nikodemus weiß eines ganz genau: wir Menschen können noch so viel lernen und glauben, noch so gebildet oder religiös sein, Gott bleibt für uns ein Geheimnis.

Um es hier deutlich zu sagen: das beruhigt mich sehr. Am Ende meiner Dienstzeit als Pfarrerin kann ich auch klar bekennen:

Mit unseren Gedanken und unserem Glauben an Gott sind wir nie fertig.

Sie und Ihr, alle, die meine Predigten hörten oder zu Glaubensgesprächen und KonfirmandInnenunterricht kamen, haben erlebt, dass ich immer wieder über einzelne Aspekte des Glaubens und des Lebens als Christ*innen gesprochen habe. Und doch sehe ich es wie Nikodemus: Gott bleibt für uns ein Geheimnis.

Die Chance, die Nikodemus beim Schopf ergreift, hätte ich auch gern.

Eines Nachts geht der alte weise Pharisäer zu dem jungen Rabbi Jesus, der so viele neue Einsichten zu haben scheint und so mutig im Namen Gottes handelt.

Er sagt ihm auf den Kopf zu, was er von ihm hält:

Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat. Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.

Das ist keine Frage, das ist ein Bekenntnis.

Gott ist mit dir. Gott hat dich zu uns geschickt.

Jesus reagiert weder genervt, weil ihn einer noch spätabends stört, noch ungehalten, weil der gar nicht sagt, was er will, sondern gibt ihm eine Antwort auf seine unausgesprochene Frage.

„Nur wenn jemand neu geboren wird,

kann er das Reich Gottes sehen.“

Nicht verstanden? Ich sag ja: Gott bleibt ein Geheimnis! Mit dem Glauben ist man/frau nie fertig.

Jesus ist genau deshalb von Gott geschickt worden, um uns vom Reich Gottes zu erzählen. Das Reich Gottes übersetzen wir vielleicht besser als eine Welt, wie Gott sie will, nach seinen Maßstäben und Vorgaben. Darüber predigt Jesus: Geschichten und Gleichnisse von Liebe und Nächstenliebe, barmherzigem Verhalten, Toleranz, gegenseitiger Hilfe, Achtsamkeit, beachten der Gebote, Vertrauen in Gottes guten Willen.

Jesus bekräftigt sein Reden mit Taten: bevor Nikodemus zu ihm kam, hatte er gerade die Händler aus dem Tempel geworfen, er macht Blinde sehend, Lahme gehend, weckt Tote auf.

Doch wir, wir gehen mit unseren Maßstäben an seine Taten und Worte. Halten sie für unglaubliche Wunder und fragen uns heute, ob sie damals wirklich geschehen sind. Seine Predigten hält so manche für idealistisch und unrealistisch. Wir lassen uns bestimmen von den Gesetzen des Marktes und des realen Lebens und verabschieden uns lieber vom aus der Mode gekommenen Glauben, Hoffen, Liebe.

„Ihr müsst von neuem geboren werden!“

Jesus hat vollkommen recht. So können wir nicht weiter leben.

Nur noch der Reiche setzt sich durch.

Die Wirtschaft bestimmt die Lebensregeln.

Jede*r ist sich selbst der wichtigste.

Nach mir die Sintflut!

Kämpfen, lügen, Intoleranz, Rassismus, Egozentrismus…

Ein Neuanfang muss her. Von Grund auf neu anfangen - das meint Jesus.

Wenn ich sage: „ich fühle mich wie neugeboren.“ , dann umschreibe ich ein Gefühl des Befreitseins - frei von Bedrängnis, Krankheit, Angst, Ungewissheit, Stress, Ermattung, Wut und Hass.

Jesus meint noch viel mehr.

Neugeboren - neu anfangen -

noch einmal ganz neu auf die Füsse kommen und gehen lernen,  

ohne Vorwissen und Vorurteile los gehen

und Erfahrungen machen nur unter der Herrschaft Gottes,

frei von allen Menschengemachten Gesetzen und Regeln.

Ist das überhaupt möglich?

„Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen.

Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.

Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.“

Ich glaube tatsächlich, dass wäre wie ein frischer Wind, wenn in unseren Gemeinden, in unserer Gesellschaft, auf dieser Erde Menschen wie neugeboren neu anfangen.

Halt!

Von wegen, das wäre!

Kein Konjunktiv bitte!

Ich wünsche mir tatsächlichen frischen Wind.

Gottes Geist weht wo er will.

Wir erleben doch solche Neuanfänge.

Menschen, woher sie auch kommen, und wie immer der gute Geist Gottes sie in Bewegung gebracht hat, die neues, anderes wagen und in dieser Welt Gutes wirken.

Kapitänin Carola Rackete  - bis hin zur Seebrücke

Greta Thunberg und ihre Essener Mitschulstreikenden

Peter Benenson - Gründer von amnesty international - gerade Jubiläum

Muhamad Yunus - Mikrokredite   -  oikokredit 

Malala Yousafzai - Indien, Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen                                                           und für das Recht aller Kinder auf Bildung

Denis Mukwege aus dem Kongo, Einsatz für Mädchen und Frauen, die Opfer sexualisierter                                                                                  Kriegsgewalt wurden

die Oberhausener Bürger*innen, die 1967 das Friedensdorf gründeten

Wir treffen auf Menschen, nicht unbedingt Christen, (ich will sie auch in keiner Weise vereinnahmen) und doch begeistert von genau dem, was Gott uns Christen durch Jesus hat wissen lassen. Durch sie wird die Welt ein wenig mehr, wie sie von Gott gewollt und für gut betrachtet wird.

Leider zwängen wir sie immer wieder in unsere Gesetze und Vorschriften. Erklären sie zu vereinzelten Idealisten. Und manchmal werden sie verfolgt oder sogar umgebracht wie der Kasseler Regierungspräsident Walter Lüdcke. Oder wir halten die Gesellschaft für nicht fähig, mitzumachen oder es überhaupt zu akzeptieren und doch, wenn wir hinschauen, so sehen wir sie, die offensichtlich von Gott begeisterten, die mit dem frischen Wind der Inspiration, die uns aufatmen lassen.

frischer Wind, Gottes Geist, lebenspendender Atem -

es ist alles das gleiche Wort in der Sprache Jesu.

Was hält uns davon ab uns überraschen zu lassen und uns auf den sausenden Wind, auf Begeisterung durch Gott einzulassen? Ja - ohne zu wissen, was draus wird.

Wind, Atemhauch, Geist

das ist Lebensenergie und Inspiration

Dynamik gegen Lethargie.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Jetzt, da ein Ende der Leben lähmenden Pandemie in Sicht kommt, wir aufatmen und wieder durchatmen und mit dem Atem und Wind auch Gottes Geist spüren, jetzt können wir wie neugeboren losgehen.

Dazu müssen wir nicht zurückkehren in den Mutterleib, dazu müssen wir auch nicht jung und gesund sein. Da können wir auch gerade wie Heidi und ich in den Ruhestand verabschiedet werden. Und ganz neue Wege einschlagen.

Eins allein ist not: dass wir darauf vertrauen, dass Jesus von Gott geschickt ist um Gottes Willen in dieser Welt auszubreiten und Menschen dazu bereit macht, dass wir uns auf Gottes Geist einlassen.

Gottes Geist weht, wo er will.

Und du wirst neugeboren.

Und du weißt nicht, wohin es geht.

Henny Dirks-Blatt

Zurück
2021-06-02.jpg
Foto: Klaus Blatt