Zum Inhalt springen

Glauben

Der HERR ist auferstanden ... ja, aber wo ist er denn?

Liebe Gemeinde,
alles war schiefgegangen: Das Volk Israel hatte Jesus nicht als Messias angenommen, und die Römer hatten ihn hingerichtet. Die Jünger haben den Karfreitag erlebt, das Ende aller ihrer Hoffnungen, eine große Lebensenttäuschung. Sie haben zwar schon Erscheinungen des Auf­erstandenen erlebt, teilweise ihn sogar gesprochen – aber all das reicht für sie nicht.

Die Enttäuschung ist eben groß! Die Trauer nimmt sie komplett ein und hindert sie, einen klaren Gedanken zu fassen. Jeder reagiert auf Trauer anders. Jeder lebt seine Trauer. Viele flüchten schnell in die Arbeit, um abgelenkt zu sein und das Gefühl zu haben, ihr Leben so im Griff zu kriegen.
So machen es auch die Jünger Jesu, indem sie in den Alltag eintauchen, nachdem ihr Leben eine jähe Wendung genommen hat. Jetzt ist Jesus weg! So vieles hat man gemeinsam unter­nommen, es war eine so schöne Zeit. Tiefe Leere im Herzen, das traurige Gefühl des Alleinseins macht sich breit. Es bleiben nur Erinnerungen an die schöne Zeit. Die Uhr möchte man am liebsten zurückdrehen, aber das geht ja nicht. Also bleibt nichts anderes übrig, als so weiterzuleben, wie man vorher gelebt hat. Sie gehen deshalb wieder ihrer Arbeit nach. Sie gehen fischen. Schweigend. Kein Wort über das was passiert ist. Karfreitag. Kreuz. Tod. Kein Wort über das Ende. Kein Wort über ihre Hoffnungen und Träume.

Und dann steht Jesus am Ufer!

Hören wir die Geschichte vom Auferstandenen am See von Tiberias aus dem 21. Kapitel des Johannesevangeliums, die Verse 1 bis 14:

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:
Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.
Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Und dann steht Jesus am Ufer!
In dieser Nacht haben die Jünger nichts gefangen; wieder nichts verdient. Wozu die ganze Mühe, wenn man doch nicht wieder auf einen grünen Zweig kommt. Es gibt keine Über­brückungsgelder – keine November- oder Dezemberhilfe.

Und dann steht Jesus am Ufer!
Er sieht ihre Arbeit und er schätzt menschliches Tun. Er bemerkt die Rückschläge, die sie erleiden. „Werft das Netz aus zur rechten Seite.“

Und dann steht Jesus am Ufer!
Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung von den Toten. Leben­dig. „Werft das Netz aus zur rechten Seite des Bootes.“ Da werfen sie es aus. Weil Jesus es sagt. Und sie wissen gar nicht, dass er es ist. Sie vertrauen ihm einfach.

Und dann steht Jesus am Ufer!
Lebendig ist er ganz in ihrer Nähe, da am Ufer. Er spricht zu ihnen. Kommt und haltet Mahl. Jesus lädt ein. Dann gibt es ein Fest und Lachen, das Osterlachen.

Doch alles der Reihe nach:
Nachdem Jesus sich Maria Magdalena am offenen Grab, den Jüngern hinter verschlossenen Türen und dem zweifelnden Thomas gezeigt hatte, berichtet der Evangelist Johannes von dieser weiteren Jesus-Begegnung.
Ein Teil der Jünger ist offensichtlich nach Galiläa zurückgekehrt. Die sieben Osterzeugen begegnen uns ganz und gar unösterlich; kein Jubel und kein Halleluja kommen ihnen über die Lippen. Statt, dass mit Karfreitag und Ostern alles anders wurde, sind sie wieder im Alltag angekommen.
Eigentlich sollten die Begegnungen mit Jesus auch durch schwere Zeiten tragen, doch der Osterjubel erstirbt oft sehr schnell. Die Jünger und auch wir machen weiter wie bisher. Man verbeißt sich in seine Pflichten. Die Berufung, die Jesus mitgegeben hat, wird schnell ver­gessen.

Und für die Jünger kommt es noch schlimmer. Das Netz bleibt leer. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht. Die Arbeit ist vergeblich und nicht einmal der Alltag funktioniert mehr.

Auferstehung zu begreifen, zu denken, in eigene Worte zu fassen, das ist schwer. Eine solche Erfahrung gibt es in unserem Leben nicht. Keiner unserer Verstorbenen ist zurückgekehrt. Und jene, die von Nahtoderfahrungen berichten können, von einem gigantischen hellen und anziehenden Licht am Ende des Tunnels, wissen, dass sie nicht wirklich tot gewesen sind.  Auferstehung in Worte zu erfassen braucht Geschichten, wie wir sie heute hören. Bilder des Glaubens sind eben wichtig und es geht nicht ohne. Jesu Reden in Gleichnissen zeigt, wie sehr er selbst dieses Mittel verwendet, um den Menschen Gott begreifbar zu machen. Die Ostererfahrungen der Jünger waren nicht einfach objektiv, zumindest nicht so objektiv, wie viele sich Glauben häufig wünschen: Beweisbar, reproduzierbar und wie eine Sache, die jeden Zweifel verscheucht. Ostergewissheit gab es auch für die allerersten Zeugen des Glau­bens nicht als Besitz, über den sie verfügen konnten. Deshalb sind sie wahrscheinlich so schnell wieder in ihren harten Alltag als Fischer zurück­gekehrt. Aber die Arbeit ist erfolglos.

Auch wir erleben es geradezu Corona-Zeiten: die Erfolglosigkeit, weil wir unseren Geschäf­ten nicht nachgehen können. Beziehungswirrwarr im Herzen, weil wir die ganze Zeit auf­einander hocken. Wir sehen unsere Verwandten und Freunde kaum. Es finden keine Events und keine Gottesdienste in den Kirchen statt.

Und dann steht Jesus am Ufer!
Wie lange steht er schon da? Erst seit die Sonne aufgegangen ist?  Hatte er nicht schon die ganze Nacht am Ufer gestanden und eigentlich auch immer ein Auge auf uns gehabt?  Er fragt die Jünger: „Habt ihr nichts zu essen?“ Nein, sie haben nichts zu essen, sie wissen nicht, wovon sie leben sollen. Sie sind trotz Auferstehung hungrig wie eh und je.

Er fordert zum zweiten Versuch auf, das Netz soll wieder ausgeworfen werden. Jesus erweist sich als Herr durch teilnehmende Nähe. Er ermutigt zum neuen Anfang durch seine Autorität, die die Jünger tun lässt, was er sagt. Die Jünger gehorchen dem Fremden, ohne zu wissen, warum, aber Jesus sorgt für ein volles Netz. Jesus lässt sie wieder neu die Osterfreude erleben: Jesus sättigt sie. Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen. Er stand schon längst am Ufer, um sie zu empfangen und ihnen Gutes zu tun. Eigentlich braucht er die Fische aus dem Netz gar nicht, nimmt sie aber trotzdem in Empfang. Jeus braucht unsere Erfolge nicht, aber er will uns einbeziehen und uns dadurch Würde geben, damit wir in seinen Auftrag hineinwachen.

Dass die Jünger Jesus zunächst nicht erkennen, ist wichtig bei den Ostererscheinungen. Das macht deutlich, dass die Jünger weder blauäugig noch leichtgläubig waren. Noch bildeten sie sich nur ein, Jesus wiederzusehen. Ihnen geht es wie allen Menschen: Sie müssen durch den Auferstandenen selbst davon überzeugt werden, dass er nicht im Tod geblieben ist.

Und dann steht Jesus am Ufer!
Wir brauchen Jesus am Ufer, wir brauchen seine Stärkung. Lassen wir uns von ihm sättigen, denn er lädt uns an seinen Tisch ein. Es ist wert, zu ihm an Land zu kommen. Nach dem Misserfolg fühlt man sich wie neu ge­boren. Quasimodogeniti.
Die Jünger haben begriffen und spüren, dass es viel mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als ihnen bewusst war. Sie alle spüren etwas, das unausgesprochen bleibt, weil das Wichtigste jenseits aller Worte geschieht. Sie wissen, dass ihr Herr sie bald wieder verlassen wird. Aber jetzt sind sie gewiss, dass er auf andere Art stets bei ihnen sein wird.

Und dann steht Jesus am Ufer!
Auch in unseren Alltag tritt Jesus mal still mal unbemerkt, mal mit aller Kraft und Deutlich­keit auf. Wenn Jesus in unseren Alltag tritt, dann nehmen wir ihn mehr wahr, denn eigentlich ist er ja immer da.  Sind wir vorbereitet auf eine Jesusbegegnung oder ergeht es uns wie den Jüngern?  Jesus greift ein in unsere Not und unsere Bedürfnisse, ob wir auf ihn vorbereitet sind oder nicht. Jesus ist in unserem Alltag, nur wo?
Jesusbegegnungen verlaufen, wie in unserer Geschichte, oft eigenartig. Es gehen plötzlich Türen auf im Leben, neue Chancen bieten sich. Vielleicht finden wir eine neue Arbeit oder einen neuen Partner.
Manchmal ist es wirklich ein fremder Mensch, der am Ufer des Sees steht, am Ufer meiner tiefen Lebens-Enttäuschung, meiner Trauer, in einer Zeit, in der es mir schlecht geht. Ein Fremder eben, der in mir meine tiefe Sehnsucht wachruft, und mir vorschlägt, etwas ganz Verrücktes zu tun. Und ich tue es auch. Es sind nicht immer Netze voller Fische, sondern auch Gespräche mit Menschen, die wir brauchen oder einfach nur das Wissen, dass wir nicht allein sind. Das erleben wir vielleicht gerade in diesen außergewöhnlichen Corona-Zeiten.
Es wird Tage geben, an denen wir ihn nicht erkennen werden, aber er wird dennoch da sein und er wird sich zu erkennen geben, wenn es an seiner Zeit ist. Wir brauchen sein Mahl: Brot und Wein, Zeichen seiner Gegenwart.

Ostern vertröstet uns eben nicht auf das nächste Leben. Es trägt neues Leben in unser Jetzt. Ein Leben, das gelingt, weil der Auferstandene es gelingen lässt. Ostern zeigt uns, dass es nicht um Leistungs-Erfolg geht, sondern es zeigt uns einen anderen Weg. Zuerst akzeptieren, dass man das Leben nicht allein in den Griff bekommt, dass alle Arbeit und alle Vorsorge, so wichtig sie sind, ihre Grenzen haben. Ostern lehrt uns, dass unsere Er­folge das Leben nicht machen und unsere Misserfolge es nicht zerstören. Das erleben wir gerade in diesen Zeiten.
Ostern lehrt uns, dass wir gerade nicht selbst auferstehen aus Erfolg- oder Kraftlosigkeit. Sondern dass Gott es ist, der uns leben lässt, vom ersten bis zum letzten Tag.

Und jeder von uns geht seinen eigenen Glaubensweg. Jeder hat seine eigene Glaubens­geschichte, erlebt anders, fühlt anders, erinnert anders. Aber trotz aller Glaubensvielfalt ist das einträchtige, gemeinsame Mahl mit dem auferstanden Jesus möglich. Der Auferstandene eint in versöhnter Verschiedenheit.

Ja, wo ist der Auferstandene?
Jeder von uns nimmt ihn unterschiedlich wahr, erlebt ihn anders, braucht ihn anders, liebt ihn auf seine Weise oder zweifelt an ihm. Deshalb haben wir alle ein anderes Bild des Auferstan­denen. Auch die Jünger hatten ihre eigene Sicht der Dinge, ihre Wahrheit, ihre Gewissheit. Das erklärt auch, warum die Evangelien unterschiedlich von Jesus berichten.

Und dann kommt ja noch Himmelfahrt. Der Auferstandene verlässt uns endgültig?
Nein, wir können ihm immer wieder begegnen. Wir können ihn nicht suchen, sondern er zeigt sich uns, er erscheint uns. Dabei ist er leicht zu übersehen. Meistens erfahren wir seine Gegenwart erst, wenn sie sich längst ereignet hat – unter Zufall verbucht. Eine Begegnung die belanglos erschien. Ein Mensch, der mich eine Zeitlang begleitete, ohne dass er mir groß auf­gefallen wäre. Ratgeber und Helfer, die ich erst gar nicht gesehen habe. Menschen auch, die meine Hilfe brauchten. Wenn sich der Auferstandene in unserem Alltag zeigt, sind wir meistens nicht darauf vor­bereitet, weil der Alltag unsere Aufmerksamkeit fordert. Doch, wenn wir ihn gewahr werden, geht er nicht spurlos an uns vorüber.
Die Jünger sind Jesus bei ihrer Arbeit begegnet, ohne vorher einen Termin gemacht zu haben. Er ist ohne Vorwarnung einfach da, meistens leise und unscheinbar.

Wagen wir also immer wieder neue Schritte des Glaubens, denn „Das Geheimnis des Glaubens ist wie tiefes Wasser, in das man springt, ohne dass man genügend schwimmen kann“, so der Theologe Fulbert Steffensky. In die tiefsten Wahrheiten muss man sich eben kopfüber stürzen, auch wenn vieles gegen sie spricht.

Und dann steht Jesus am Ufer!

Amen

Zurück
2021-04-11_See_-_Foto_Lotz_-_134_3905_RGB_0.jpg
Foto: Lotz