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Glauben

Glaube braucht Ausdauer - Predigt zu Palmsonntag 2021

Hebräerbrief, Kapitel 11, die Verse 1-2 und im Kapitel 12, Verse 1-3:

Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft und ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.
Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt.
Wir sind also von einer großen Mengen von Zeugen wie von einer Wolke umgeben.
Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken.
Dann können wir mit Ausdauer in dem Wettlauf laufen, der vor uns liegt.
Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten.
Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen.
Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt.
Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag:
Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron.
Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat.
Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren.

Liebe Gemeinde,

so habe ich es mir nicht vorgestellt: Fast allein stehe ich hier im Gustav-Adolf Haus, immerhin hier im Kirchsaal und nicht auch noch zuhause im Wohnzimmer, und halte meinen letzten Gottesdienst als Gemeindepfarrerin auf der Margarethenhöhe in der Emmaus-Gemeinde. Es ist eines der vielen Etappenziele in meinem Lebenslauf, meinem Berufsleben als Pfarrerin, meinem Weg des Glaubens.
Als ich vor einigen Tagen den Predigttext für den heutigen Palmsonntag las, kamen mir die Worte: Ausdauer im Wettkampf, eine Wolke von Zeugen und feste Zuversicht sofort bekannt vor.

Und richtig: meine Predigtkartei zeigte an: 1984, am Ende meines Vikariats in Frankfurt am Main, habe ich zum ersten Mal über diesen Text gepredigt. Also nahm ich meinen ersten kleinen Leitz-Predigtordner und las die noch mit Schreibmaschine getippten Seiten. Manchen Gedanken kann ich auch heute noch für eine Predigt verwenden, insbesondere den Einstieg und die exegetischen Ausführungen, die Aktualisierung hat sich eindeutig überlebt und klingt jetzt ganz anders, und auch meine theologischen Einsichten haben sich mit der Zeit gewandelt. Eins aber bleibt, wie es schon damals war, mein Glaube mit einer festen Zuversicht bei dem, was ich hoffe und einem Nichtzweifeln, auch wenn ich’s nicht sehe.

Doch ich muss erkennen: In Deutschland hat in diesen fast 40 Jahren ein grundlegender Wandel stattgefunden. Das, was die ältere Generation noch unter Glauben verstand, ist für die meisten, die nach 1968 geboren sind, zu einer unattraktiven und unmöglichen Haltung geworden. In diesen Jahren der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen ist die Selbstverständlichkeit verloren gegangen, mit der Menschen Gott und ein Jenseits für höchst wahrscheinlich hielten. Die Vorstellungen über dieses Unsichtbare waren schon damals sehr unterschiedlich. Doch man war sich einig: Es gibt einen Teil der Wirklichkeit, der sich unserer wissenschaftlichen Erkenntnis und dem naturwissenschaftlichen Denken entzieht – und damit auch unserer Kontrolle und Machbarkeit. Nur eine Minderheit lebte damals ausdrücklich mit dem, was man ein materialistisches Weltbild nennt. Heute ist es genau umgekehrt; die meisten scheinen ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass unsere Welt nichts anderes ist als ein natürlich entstandener, materieller Ort. Die Welt ist entzaubert. Und unser Herz ist nicht mehr als ein Muskel, die Liebe ein biochemischer Vorgang im Hirn, die entsprechenden Ströme lassen sich messen, die jeweils aktiven Synapsen beobachten. Wenn von Gott überhaupt noch die Rede ist, dann steht dieser Gott in ständiger Gefahr, nicht mehr zu sein, als ein aufgrund psychologischer Bedürfnisse von uns selbst gebildeter, imaginärer Freund. Er ist da, er soll da sein, solange, sobald, sofern es für mich stimmt.

Doch Glaube an Gott ist nichts, was ich mal eben so hervorholen kann, wenn ich ihn brauche, und ansonsten vergesse und verstauben lasse. Glaube, heißt es im Hebräerbrief, ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. Mit dieser Haltung können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt.1984 diente mir der Marathonlauf als Beispiel für den aus-dauernden Glaubensweg, für das Laufen mit Geduld. Der Marathon war damals noch kein Volkssport. 42 km 195 m sind zu laufen. Die Kräfte müssen gut verteilt werden, Zwischensprints sind unangebracht. Um das Ziel, weit entfernt und nicht sichtbar, zu erreichen, ist ein ausdauernder, gleichmäßiger Laufstil wichtig, damit keine stechenden Seitenschmerzen oder Wadenkrämpfe auftreten und zur Aufgabe zwingen. Nahrung und Getränke müssen aufgenommen werden, doch zusätzliche Lasten kann man nicht während des Laufs gebrauchen. So muss alles von helfenden Händen angereicht werden.

Meine eigenen Lauf-Erfahrungen habe ich nicht beim Marathon- (viel zu lang!), aber mit einem Firmenlauf gemacht, an dem unser Kindergarten teilnahm und ich in letzter Minute für eine erkrankte Läuferin einsprang. Es war drückend heiß. Was mich, so untrainiert wie ich war, durchhalten ließ, war das Team, mit dem ich zusammen unterwegs war, die Kita-Mutter, mit der ich Seite an Seite, die Strecke bewältigte und die Musikgruppen und vielen Zuschauer am Straßenrand, die uns mit Jubel begleiteten, mit ihren Gartenduschen erfrischten und jeden am Ziel glorreich empfingen.
Der Briefeschreiber an die Hebräer appelliert an die Gemeindeglieder, ausdauernd zu laufen auf dem Weg des Glaubens. Das war nicht leicht. Die Gemeinden, jede*r Christ*in im zweiten nachchristlichen Jahrhundert hatte einen beschwerlichen Weg zu gehen: sie wurden verfolgt, waren Schmähungen ausgesetzt, verloren ihr gesellschaftliches Ansehen, wenn sie sich zu Christus bekannten. Die Sorgen um das eigene Leben beschwerten die Läufer auf ihrem Glaubensweg, die Zweifel nagten und belasteten die Christen, die doch Ausdauer brauchten. Und am schwersten wog: das Ziel schien ferner zu sein denn je zuvor. Wie hatten sie doch gehofft, dass die Wiederkunft Christi noch zu ihren Lebzeiten stattfinden würde. Der jüngste Tag schien nahe. Er war das Ziel. Doch je länger es dauerte, als dann zudem die ersten Gemeindeglieder starben, desto mehr rückte das Ziel in die Ferne. Ihre Hoffnung verflog. Und doch gaben sie nicht auf, ihr Glaube an Christi Wiederkehr blieb bestehen, sie vertrauten fest darauf.

Der Briefschreiber erinnert an eine „Wolke von Zeugen“, Menschen, die zuvor den Weg des Glaubens gegangen sind und durchgehalten haben, trotz widriger Umstände. Er beginnt mit Abraham und Sara, die auf Gottes Wort hin ihre Heimat verließen und sich auf einen langen Weg machten, die trotz hohen Alters später daran glaubten, Ahnen eines großen Volkes zu werden. Er erinnert an das Volk Israel, das aus Gefangenschaft und Sklaverei unter Gottes Leitung 40 Jahre lang unter Entbehrungen und Glaubensirritationen durch die Wüste in die Freiheit zog. Zeuge ist der Prophet Jona, der seinen Weg nach Ninive bis ans Ziel geht, obwohl er zwischendurch auf Abwegen ist und mit Gott hadert. Er sitzt am Schluss allein unterm Rhizinusstrauch, schaut auf das gerettete Ninive und lernt Gottes guten Willen kennen.
Zu der Zeugen-Wolke gehören auch die Jünger und Jüngerinnen Jesu. Gemeinsam sind sie mit ihm unterwegs, und wenn er sie ausschickt, dann immer zu zweit und mit leichtem Gepäck.

Kurt Marti dichtet:
Glauben?
Hie und da
Doch ohne den Glauben anderer
Nicht einmal hie und da
Ich bin, was ich bin durch andere;
Ich glaube, was ich glaube, dank anderen.
Und so, mit jedem Atemzug:
Leben aus geselliger Gnade.

Und da ist noch ein weiterer Hinweis im Predigttext:
Ja, Wir wollen mit Ausdauer laufen in dem Wettlauf, der noch vor uns liegt, und dabei hinschauen auf den, der unserem Glauben vorangeht und ihn vollendet, auf Jesus.

Am Palmsonntag erinnern wir uns, wie Jesus in Jerusalem empfangen wird, mit Jubelrufen und rotem Teppich aus Palmenblättern und Decken. Der neue König zieht ein, glauben seine Anhänger, der Befreier startet zum Triumphzug, der neue David befreit sein Volk.Doch Jesus befreit es nicht von den römischen Unterdrückern. Sein Lauf hat ein anderes Ziel. Das Ziel ist, der Gewalt nicht mit Gewalt zu begegnen. Den Frieden zu predigen, die Gerechtigkeit und die Liebe. Die Befreiung von den schuldhaften Bindungen dieser Welt.

Wir sollen vor allem den Blick auf Jesus richten, in unserem Glaubens- und Lebens-Lauf. Er ist unsere Motivation, unser Begleiter und unser Ziel.
Doch dieser Lauf fällt uns öfters schwer.

Wenn die anderen feiern, shoppen, chillen, sich keine Gedanken machen um Klima, Frieden, Gerechtigkeit, Armut, dann geht einem die Luft aus im Wettlauf für die Rettung der Schöpfung Gottes.

Wenn eigene finanzielle oder gesundheitliche Sorgen quälen, dann ist das schweres Gepäck und der Glauben an den gütigen Gott gerät ins Wanken.

Wenn sich so überhaupt nichts ändert an den Ungerechtigkeiten dieser Welt, dann verliert man die Ausdauer, wird müde und matt, der Einsatz für Menschen im Süden und Osten scheint unendlich mühsam und oft vergeblich.

Und wenn es dann noch in der eigenen Cloud zu Unstimmigkeiten und Richtungskämpfen kommt, scheint alles vorbei. Wie geht es in den Kirchen und Gemeinden nach Corona, mit weniger Finanzmitteln und so manchem Skandal weiter?

Ja, es gilt zu kämpfen und im Glaubenslauf Ausdauer, Wachheit und Mut zu zeigen.
Hinzu kommt noch der Marathon, den wir gerade alle miteinander laufen. Die Corona-Pandemie ist kein 100m Lauf, auch kein Firmenlauf von der Philharmonie bis in die Gruga. Es ist ebenfalls ein Marathon, der uns große Geduld und Ausdauer abverlangt.
Und so sind wir heute im Jahr 2021 in unserem Glaubenslauf manchmal doch müde. Ermattet. Es ist schwer durchzuhalten und den nächsten Wegabschnitt voller Motivation und Elan anzugehen.
Wo ist die Begeisterung fürs Leben?
Wo ist der Schwung?
Es gibt auch inneren Widerstand.
Von außen erfährt man entgegengebrachte Geringschätzung.
Da ist auch Scheitern.
Und es gibt Alltagstrott.
So entwickelt sich dann tatsächlich ein Kampf im Lauf des Lebens und Glaubens.

Und da ist diese unglaubliche Ermutigung, gemeinsam Glauben zu wagen,fest und wach zu bleiben in der Zuversichtund an das Erreichen des Zieles zu glauben - mit Jubel empfangen.
Wir sind nicht allein.
Sie sind nicht allein. Ich bin nicht allein.
Wir leben aus geselliger Gnade!

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Foto: Lehmann