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Glauben

Unser Glaube lebt von Erzählungen

Unser Glaube lebt von Erzählungen. Erzählungen, auch aus dem Dunkel der Geschichte. Sie sind aufgeschrieben im Buch der Bücher, der Bibel, der Schrift der Juden, dem Alten Testament und dem zusätzlichen Buch der Christen, dem Neuen Testament. Wir hören sie Sonntag für Sonntag im Gottesdienst. Manche und mancher unter uns liest sie auch zu Hause. In der Bibel finden wir Geschichten, die nie vergessen werden dürfen. Darum müssen sie erzählt werden –  wieder und wieder. 

Eine dieser Geschichten ist die Geschichte von Kain und Abel. Eine unmenschliche Geschichte von verstörender Brutalität. Sie ist uns gut bekannt, nicht nur deswegen, weil wir sie schon oft gehört haben. Sie ist uns bekannt, weil unser Leben darin spielt, weil die Personen dieser Geschichte auch heute leben, leibhaftig mitten unter uns. Und damit meine ich nicht die Mörder von heute, die ihre Familien töten. Nein, in gewisser Weise sind wir selbst in diese Geschichte verstrickt. 

Aber hören wir zunächst einmal, was im 1. Buch Mose, Kapitel 4, gleich zu Anfang steht:

1  Der Mensch Adam schlief mit seiner Frau Eva, und sie wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt und sagte: Ich habe einen Mann gewonnen mit des Herrn Hilfe. Und sie nannte ihn Kain.
2  Später gebar sie Abel, seinen Bruder. Abel wurde ein Hirt und Kain ein Bauer.
3  Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn eine Opfergabe von den Früchten des Feldes.
4  Und auch Abel opferte von den Erstlingen der Herde und von den fetten Stücken. Und der Herr sah Abel und sein Opfer gnädig an.
5  Kain aber und sein Opfer sah er nicht an. Da erzürnte Kain sehr, und er senkte seinen Blick und starrte finster vor sich hin.
6  Der Herr sprach zu Kain: Warum läufst du vor Zorn rot an? Warum senkst du dein Gesicht zur Erde?
7  Nicht wahr, wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du frei aufschauen. Wenn du aber nicht gut handelst, dann lagert die Sünde vor der Tür, und ihre Begierde richtet sich auf dich. Du aber sollst Herr über sie sein.
8 Kain sagte zu seinem Bruder Abel: Sieh dir meine Felder an. Als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
9 Da fragte der Herr Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sagte: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?
10 Er sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
11 Nun aber: Verflucht seiest du auf der Erde, die ihren Mund aufgetan hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders zu empfangen.
12 Wenn du den Ackerboden bebaust, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht mehr geben. Unstet und flüchtig sollst du sein im Land.
13 Da sprach Kain zum Herrn: Diese Strafe ist zu hart, ich kann sie nicht tragen.
14 Du vertreibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verstecken. Wie ein Flüchtling muss ich vogelfrei umherirren. Jeder, der mich antrifft, kann mich ungestraft töten.
15 Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, wer Kain totschlägt, an dem wird es siebenfach gerächt. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn nicht jeder erschlüge, der ihn träfe.
16 Und Kain ging vom Angesicht des Herrn fort und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden.

Ich höre den Text als eine Geschichte voller Unterschiede, voller Gegensätze – aber sie alle sind unentrinnbar miteinander verflochten.

Erster Gegensatz: Bei Kains Geburt jubelt seine Mutter – Abel aber wird bloß geboren, kommt lediglich als Bruder auf die Welt.

Zweiter Gegensatz: Abel wird Hirte, zieht umher, ist nicht sesshaft, also Nomade. Kain dagegen wird Bauer, ist erdverbunden, ortsfest – ein seit Urzeiten bekannter territorialer Konflikt. Die Geschichte der Menschheit lässt sich als Entfaltung dieser Parabel lesen. Immer war ein erheblicher Teil der Menschen in Bewegung, auf der Wanderschaft. Er traf zwangsläufig auf den ortsfesten Teil – und löste damit einen Konflikt aus. Einen Konflikt, der regelmäßig zu Streit, Gewalt, Krieg führt, auch heute noch. Wir ahnen, wie sehr wir an dieser Stelle selbst gemeint, selbst betroffen sind, etwa mit dem Problem der Migration.

Dritter Gegensatz: Gott spricht mit Kain, und Kain spricht mit Gott; von Abel hören wir kein Wort, nicht einmal ein Sterbenswort.

Vierter Gegensatz: Abels Opfer wird angenommen, Kains nicht beachtet.

Fünfter Gegensatz: Abels Tod ist der Höhepunkt der Geschichte, oder besser: ihr Tiefpunkt; Kains Tod hingegen ist nirgendwo verzeichnet. 

Solche Dualismen, sind sie nicht bezeichnend für das Leben, für unser Leben? Und ist nicht wegweisend, dass die Geschichte gleich zum Anfang der Bibel steht? Adam – sein Name im Hebräischen bedeutet übrigens nichts anderes als „Mensch“ – bekommt Nachwuchs; die Erde wird besiedelt. Was folgt, was in dieser Geschichte berichtet wird, ist kennzeichnend für das Leben in dieser Welt. 

So geht es zu unter Menschen – bis heute. Die Geschichte von Kain und Abel ist die Geschichte der Menschensöhne. Genau genommen geht es gar nicht um den Menschen Kain und nicht um einen Menschen namens Abel; es geht um den Menschen schlechthin. Diese Geschichte zeigt, wie der Mensch mit dem Menschen umgeht – solange Adam diese Erde bewohnt. Der Grund liegt in der Ungleichheit, der uns hier in Form kaum begreiflicher Ungleichbehandlung, ja schierer Ungerechtigkeit begegnet. Wie anders sollen wir die Tatsache empfinden, dass Gott ein Opfer annimmt, das andere aber keines Blickes würdigt? Warum? 

Nichts ist dazu überliefert – dass Abel etwa gottesfürchtiger gewesen wäre, dass Abel ehrlicher geopfert hätte, nichts, alles Spekulation. Nicht einmal, woran Kain die Missachtung seines Opfers festmacht, lässt sich erkennen. Doch vielleicht wird jeder, der ein Opfer bringt, selbst wissen, ob das, was er bringt, wirklich ein Opfer ist oder von ihm bloß so genannt wird.

Mit wenigen Worten skizziert die Bibel hier eine Urerfahrung des Menschen. Denn was für Kain unverständlich bleibt, Gottes unbegreifliches Handeln, kennen wir selbst zur Genüge. Dem Einen gelingt, was er beginnt – der Andere scheitert. Der Eine ist gesund bis ins hohe Alter – der Andere erkrankt bereits in jungen Jahren schwer. Das eine Ehepaar wird gemeinsam viele Jahre alt – beim anderen stirbt der Partner schon früh. Der Eine müht sich in der Schule, im Beruf, ohne nennenswerten Erfolg – dem Anderen fliegt der Erfolg nur so zu.  Vergegenwärtigen wir uns die Schrecknisse der letzten Zeit: Zugunglücke, Flugzeugabstürze, Lawinenabgänge, Entführungen – warum, so fragen die Betroffenen, warum gerade ich, gerade wir? Sie kennen selbst Beispiele in Fülle, denke ich, die das bestätigen. 

Offensichtlich, so will es die Bibel sagen, ist dies die Geschichte der Menschheit. So ist es eben, warum ­– wer vermag es zu erklären? Und auf die Frage: ’Warum lässt Gott das zu, der liebe, gnädige Gott?’ finden wir keine Antwort. Höchstens den Hinweis, dass der Mensch mit dem Sündenfall seine Unschuld verloren hat, mit der Vertreibung aus dem Paradies das Böse auf der Welt stets gegenwärtig ist. Wenn es auch unbegreiflich ist, Gottes Handeln, so überlässt er die Menschen nicht einfach ihrem Schicksal. Er bleibt mit ihnen im Gespräch, so wie mit Kain. 

„Warum hältst du den Blick gesenkt? Warum lässt du den Kopf hängen?“ Wer zu Boden blickt, verliert die Übersicht. Wer zu Boden blickt, dessen Gesichtsfeld umfasst nur noch einen kleinen Ausschnitt des Geschehens. Wer zu Boden blickt, übersieht die drohende Gefahr. Wer den Kopf hebt und frei aufschaut, der sieht die Welt, wie sie ist, erkennt die Unterschiede, die Ungleichheiten, die Ungerechtigkeiten, versteht, dass er selbst davon nicht ausgenommen ist.  Der erblickt seinen Nächsten, sieht in ihm aber weniger den Feind als vielmehr dessen Not, die ihn vielleicht zum Feind werden lässt. Wer den Kopf hebt, sieht, wo Hilfe gebraucht wird, wo Unrecht geschieht, wo Menschen das Lebensrecht abgeschnitten wird – wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Rasse, ihrer Religion, ihres Geschlechts ... 

„Wenn du Gutes im Sinn hast“, so spricht Gott zu Kain, „dann kannst du den Blick frei erheben. Planst du aber Böses, dann lauert die Sünde vor deiner Tür, die dich blind macht vor den Anforderungen der Welt.“ Eindringlich mahnt und warnt Gott. Auch in scheinbar auswegloser Lage gibt er Orientierung, Wegweisung, Verhaltensregeln. Den Kopf sollen wir heben, um klaren Blick zu haben, den richtigen Weg zu erkennen und nicht blind ins Unglück zu laufen. 

Wenn wir doch nur hören würden; wenn Kain doch nur hören würde. Aber nein, mit gesenktem Blick geht er seinen eigenen Weg, den todbringenden. Er, der vor niemandem die Augen niederzuschlagen braucht, ist blind gegenüber der Realität. Und wie der niedergeschlagene Blick die Übersicht versperrt, den Überblick verloren gehen lässt, so verhindert Neid und Zorn den klaren Gedanken. Darum schlägt die Stimmung um in Bosheit, ja Hass auf den Bruder, der doch völlig unschuldig ist. Vielleicht steht er ja bloß stellvertretend für Gott, den Kain insgeheim verantwortlich macht, aber nicht belangen kann. 

„Alle Bosheit entspringt der Schwäche“ sagt Jean-Jacques Rousseau. Kains Schwäche ist die Unterlegenheit, die er empfindet, die Zurücksetzung, der Gedanke, der andere, der Bruder würde vorgezogen. Beseitigt er den Bruder, so kann der nicht mehr vor ihm sein, an erster Stelle stehen. Der zu Boden gerichtete Blick, der enge Blickwinkel lässt ihn zu dieser falschen Schlussfolgerung kommen. 

Ein solcher Gedanke ist uns nicht fremd. Wie oft haben Tyrannen die Boten schlechter Nachrichten töten lassen, als seien diese schuld an der jeweiligen Misere. Das Problem war damit aber längst nicht gelöst. Von kleinen Kindern wissen wir, dass sie sich die Hände vor das Gesicht schlagen und meinen, man könne sie nun nicht mehr sehen, weil sie selbst nichts mehr sehen können. Aus der Geschichte der Religionen kennen wir den Brauch, alles Unglück auf eine Person oder eine Sache, ein Totem, zu projizieren und diese dann zu beseitigen – und damit das Unglück selbst. Solche Siege sind fragwürdige Siege. Sie verschaffen höchstens vorübergehend Entlastung. 

Kain erfährt es unmittelbar. „Wo ist dein Bruder?“ fragt Gott. Gott fragt nach dem Opfer, immer zuerst nach dem Opfer, nicht nach dem Täter. Auch heute fragt Gott zuerst nach den Opfern: Was ist mit denen, die von Rechtsradikalen gedemütigt, geschlagen getötet werden? Was ist mit denen, die vergeblich um Asyl nachsuchen und in eine ungewisse Zukunft abgeschoben werden? Was ist mit denen, die schon als Kinder in einem reichen Land bittere Armut erfahren? Was ist mit denen, die im ständigen Lebenskampf nicht mithalten können und auf der Strecke bleiben? Was ist mit ihnen, wo sind unsere Schwestern und Brüder, wie gehen wir mit ihnen um? So fragt Gott auch heute; so fragt er uns heute.  Und geben wir nicht oft genug dieselbe hochmütige und doch von lauter Hilflosigkeit und Angst gekennzeichnete Antwort: Soll ich meines Bruders Hüter sein? 

Ja! Ja, und abermals ja ! Ganz offensichtlich ist es doch das, was Gott von uns verlangt. Warum sonst ergeht ein solch unbarmherzig hartes Urteil über Kain? Seine Tat schlägt auf ihn zurück. Wie so oft der Täter nur kurze Zeit entlastet scheint. Mehr oder minder schnell – Gottes Mühlen mahlen langsam, sagt das Sprichwort – holen den Täter die Folgen seiner Tat ein. Und die sind für Kain schier unerträglich, das Verstoßensein von Gott. Das genaue Gegenteil wollte er erreichen. Gottes Zuwendung wollte er auf sich ziehen. Gelungen ist es ihm – aber in welch ungeahnter Weise. Kein gnädiges Ansehen weiterer Opfer – sondern der Verstoß, das Vertreiben von Haus und Hof, die Flucht aus dem Land. Eine furchtbare Folge, besonders für den Bauern, der an seiner Scholle hängt. 

Kains Entsetzen über die schwere Strafe lässt erkennen, dass er im Grunde kein schlechter, kein böser Mensch ist, jedenfalls nicht von Anfang an, bevor er den Mord begeht. Darum ist seine Verzweiflung wohl auch keine Heuchelei, die Verzweiflung über die Tiefe seiner Schuld, die Verzweiflung über die Schwere der Strafe. Erst recht nicht die Angst um das nackte Überleben. Doch diese Angst ist unbegründet, so ist Gottes Schuldspruch nicht zu verstehen. Das Urteil ist hart, doch Gott will nicht den Tod des Sünders. „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinem bösen Wandel bekehrt und am Leben bleibt?“ spricht Gott der Herr (Hes 18, 23).

Und so wird das berühmte Kainsmal weniger zum Zeichen des Sünders, des Ausgestoßenen, sondern das Zeichen Gottes für seinen persönlichen Schutz aller Menschen. Niemand, den Gott nicht für würdig erachtete, auch nach dem Schuldigwerden die Chance zu einem Neuanfang zu bekommen. Das Kainsmal ist Gottes Zeichen im Alten Testament. Das alte Zeichen, wir wissen nicht, wie es aussah. Wir haben ein neues Zeichen: das Kreuz. Das Kreuz, Symbol für Jesu Tod – in Wahrheit ein Zeichen für das Leben, ein Zeichen für Gottes Zusage an das Leben der Menschen. 

Jesus, der Christus, unser Bruder, hat Gottes Liebe zu den Menschen erkannt. Um miteinander in ihr zu leben hat er uns ein Gebot mit auf den Weg gegeben, das einzige Gebot, wie er selbst sagt, Gott und unsern Nächsten zu lieben. Und dieses Gebot  ist letztlich die Antwort auf die Frage Kains: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ 

Wie lautet unsere Antwort? Werden wir, Sie und ich, werden wir sagen: Ja?

Mit Gottes Hilfe – ja !

Amen.

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Brudermord (Dieter Schütz/pixelio)