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Glauben

Ein Licht - Blick! - Predigt am 2. Sonntag der Passionszeit 28.2.2021

Ein Licht - Blick!

Nach dem 2. Weltkrieg war das Altarkreuz im Quedlinburger Dom durch eine „Leihgabe“ ersetzt worden, die 2001 zurückgegeben werden musste.
Was tun in einer Kirche ohne Kreuz?
Die Gemeinde lobte einen Wettbewerb für ein neues, modernes Kreuz aus. Am Ende entschied sie sich für den Entwurf des Metallkünstlers Thomas Leu aus Halle. Ein Glücksgriff, wie ich meine. Dieses Kreuz aus teilweise vergoldetem Aluminium hängt hoch über dem Altar der romanischen Kirche. Es erzählt auf vielfältige Weise von unserem Glauben:

·         Gewiss bestimmt es den großen hohen Raum. Zugleich aber nimmt es sich zurück. Es ist nicht laut, nicht dominant und springt nicht sofort in die Augen. Es will still wahrgenommen werden, betrachtet und meditiert. Das leicht glänzende Aluminium wird zur Reflexionsfläche für die Steine seiner Umgebung. Es greift die unterschiedlichen Lichtstimmungen des Tages und des Lebens auf. Das Kreuz ist ein Teil unserer Welt, nichts Abgehobenes. Gott ist nicht schrill, nicht laut. Er springt nicht ins Auge – erst recht am Kreuz nicht. Er kann und will in der Stille wahrgenommen werden. Vielleicht kennen Sie den Liedtext von Jochen Klepper: „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.“ 

·         Von dieser die Welt erhellenden Wirkung des Kreuzes erzählt die Vergoldung der Innenflächen. Das Kreuz, Symbol des Leidens und Sterbens, erhellt eine ganz besondere Würde. Gold ist die Farbe Gottes, das Material der Schätze und der Könige. Dass das Kreuz, das Leiden und Sterben Jesu einen inneren Wert und eine besondere Würde haben, mag uns auf den ersten Blick nicht einleuchten. Der Tod Jesu ist genauso grauenvoll wie die Tode ungezählter anderer Menschen. Aber durch das Kreuz Jesu erhält jedes Menschenleben auch in all seiner Not und an seinem Ende eine besondere Würde. Wir sind gut beraten, das nie zu vergessen. 

·         Aber – und das macht dieses Kreuz für mich so besonders faszinierend – der Gekreuzigte ist nicht sichtbar. Nicht etwa, weil der Korpus einfach fehlt, wie wir aus vielen evangelischen Kirchen kennen. Wo der Korpus sein müsste, ist hier ein Leerraum. Raum und Offenheit für ganz neue Perspektiven und Durchblicke. Das Ostergeschehen ist in diesem Kreuz schon mit abgebildet. Durch den Leer - Raum, der so viel offenlässt, bleibt es aber in seinem verborgenen, geheimnisvollen Charakter gewahrt. Diese Unverfügbarkeit österlicher Gewissheit gehört für mich unauflöslich zum Glauben. 

·         Und schließlich erzählt dieses Kreuz in seiner Gestalt von der Zuneigung Gottes zu uns Menschen. Und das durchaus im wörtlichen Sinne!

Bleiben Sie behütet und geben Sie die Hoffnung nicht auf. Es gibt Licht–Blicke. Nicht nur in Quedlinburg. 

Ihr Pfarrer Joachim Lauterjung

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Kreuz im Dom zu Quedlinburg (Foto J. Lauterjung)