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Glauben

Predigt am 1. Sonntag in der Passionszeit 21.2.2021

Im Redaktionsteam für den nächsten Gemeindebrief fiel einmal wieder der Begriff: zu churchy. Und schon war die Diskussion im Gange: was ist zu kirchlich, kann etwas bei uns zu kirchlich sein, da wir doch Kirche sind? Ja, Kirche wirkt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Und wenn wir etwas nach außen sagen, so sollten wir auch verstanden werden. Innen machen wir uns manchmal gar nicht deutlich, wie unverständlich wir nach außen sind.

Heute feiern wir den Sonntag Invokavit - den 1. Sonntag der Passionszeit. Wissen Sie, was das bedeutet? und glauben Sie, Ihr Nachbar weiß das auch? Mit Invokavit beginnt ein Vers des 91. Psalms: Er ruft mich an,…)

Passion - was ist das? So fragte ich die Konfirmand*innen. „Das hat was mit Leidenschaft zu tun,“ sagte einer, „wenn einer eine Vorliebe hat für etwas bestimmtes, eine besondere Lust aufs Jagen oder am Wein.“ Eine andere Konfirmandin brachte die Passionsfrucht ins Gespräch, die nicht jeder kannte. Es war dann auch nur eine, die wusste, dass Passion eine kirchliche Bedeutung hat und dass die 50 Tage vor Ostern Passionszeit heißen - kein Wunder, ihre Mutter ist Organistin.

Wir denken in der Passionszeit an das Leiden Jesu, seine letzten Tage, sein Kreuz, sein Sterben. Wenn wir das Glaubensbekenntnis ernst nehmen mit seinem „geboren, gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben“, so hat die Passion das ganze Leben Jesu ausgemacht. Ein Leben zwischen Leidenschaft und Leiden, zwischen vollkommener, leidenschaftlicher Hingabe für Gottes Wort und die Liebe Gottes; und heftigstem Leiden an dem Unrecht und dem Hass in der Welt.

Jesu Passion beginnt bereits in der Wüste mit 40 tägigem Fasten und der Versuchung durch den Teufel. Dabei erkannte er, wie es Menschen ergeht, welchen Versuchungen sie ausgesetzt sind und worauf es ankommt. Die ersten Worte seiner Botschaft lauten: Ändert euer Leben!

Und genau das ist es, was die Passionszeit uns ermöglicht. Unser Leben ändern. Das heisst auf churchy: Buße tun. So haben wir Protestanten auch etwas von der Fastenzeit der Katholischen Kirche wieder aufgenommen und üben uns darin, zu erkennen, worauf es ankommt.

Zu der Aktion „7 Wochen ohne“ haben wir viele Jahre lang in der Gemeinde auf der Margarethenhöhe eingeladen mit gemeinsamen Fastentagen und Meditationen, frei nach den Worten des Johannes Chrysostomus: Das Fasten ist die Speise der Seele. Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und lässt sie über himmlische Dinge nachdenken. Doch, liebe gottesdienstliche Gemeinde, ich gebe zu, mir kommt es darauf an, dass wir nicht nur über himmlische, sondern auch über irdische Dinge nachdenken. Zum dritten Mal gibt es nun die kirchliche Aktion Klima-Fasten unter dem Slogan: „So viel du brauchst.

Zu diesem Satz gibt es eine biblische Geschichte:

Mose 16, 1-3+11-18

In der Wüste rebellierte die ganze Gemeinde gegen Mose und Aaron. Die Israeliten sagten zu ihnen: »Hätte der Herr uns doch in Ägypten sterben lassen! Dort saßen wir an den Fleischtöpfen und konnten uns satt essen. Jetzt habt ihr uns in diese Wüste geführt, wo wir alle vor Hunger umkommen werden.« Gott sprach zu Mose: »Ich habe das Murren der Gemeinde Israel gehört. Sage ihnen: ›Gegen Abend bekommt ihr Fleisch zu essen, am Morgen sollt ihr euch an Brot sättigen. Ihr sollt einsehen, dass Ich da bin, euer Gott‹«

Am Abend kamen Wachteln geflogen und bedeckten das Lager; am nächsten Morgen schlug Tau sich rings um den Zeltplatz nieder. Als der Tau verdunstete, blieb auf dem Wüstensand etwas Feines, Flockiges, wie feiner Raureif, übrig. Die Leute sahen es und riefen einander zu: »Was ist denn das?« Sie kannten es nicht. Mose klärte sie auf: »Das ist das Brot, das Gott euch zur Nahrung gibt. Im Hinblick darauf gilt die Anweisung: ›Sammelt, so viel ihr braucht, einen Krug pro Kopf der Bevölkerung. Jede Zeltgemeinschaft soll sich versorgen.‹« Die Menschen taten das; die einen sammelten mehr, die anderen weniger. Als sie alles Gesammelte maßen, da hatten die Vielsammler keinen Überschuss und die Wenigsammler keinen Mangel, sie hatten gerade so viel heimgebracht, wie jede Person brauchte.

Auch dies ist eine Wüstengeschichte. Und die Menschen lernen, worauf es ankommt, wie viel sie tatsächlich brauchen, denn zurückgelegtes für den nächsten Tag wird schlecht. Überfluss und Rücklagen sind sinnlos, Wachteln, Manna und Wasser reichen zum Leben. Alle sammeln und teilen miteinander. Und jeder hat genug. Und am nächsten Tag herrscht kein Mangel. Gott sorgt für sie.

Darauf macht das Klimafasten aufmerksam: Für jeden Menschen so viel er braucht - heute und morgen und in Zukunft. In sieben Wochen und sieben Schritten können wir lernen, uns zu ändern.

Weg von der Überfluss - und Hamstermentalität! Ich erinnere an Jesu Worte: Ändert euer Leben! Und ich erinnere mich an seine Mahnung, die wir in der Lesung hörten: Wenn du fastest, mach kein leidendes Gesicht. Ich denke, wir könnten das Fasten zur Leidenschaft machen, Lust aufs Fasten bekommen, wenn wir die sieben Wochenthemen des Klimafastens betrachten.

In der 1. Woche geht es um den Wasserfußabdruck.

Wir verbrauchen direkt viel Wasser und haben da bereits manches eingespart. Aber indirekt verbrauchen wir noch viel mehr, bei der Herstellung unserer Textilien oder durch unseren Griff zu Nahrungsmitteln, die nur durch hohen Wassereinsatz wachsen und entstehen können. Spielen Sie Detektiv und lernen Sie, wieviel Wasser eine Jeans oder eine Avocado verbraucht.

In der 2. Woche geht es um unseren Energieverbrauch. Corona ließ uns in den Kirche die Heizungen drosseln oder abstellen und wir zogen uns warm an. Als passionierte Strickerin hat mich ein Aufruf sofort angesprochen: Lasst uns Stricken für den Klimaschutz. z. B. Warme Decken gegen kalte Gottesdienste. Außerdem sagte Luther: „Gott ist ein Backofen voller Liebe, die da reichet von der Erde bis an den Himmel“ Wer sollte da überhaupt frieren.

Die Leidenschaft für die vegetarische Ernährung wächst - das bedeutet: nur noch Manna, keine Wachteln, wenn wir in die biblische Geschichte schauen. Ob das Volk in der Wüste das auch so mitgemacht hätte? Doch heute hat jeder auch sein liebstes vegetarisches Essen und könnte damit beitragen zu Best-of-Rezepten aus der Gemeinde. Bekommen Sie Lust?

Danach geht es dann um Müllvermeidung, und in diesem Jahr ganz aktuell um Datenmüll. Ich freu mich jetzt bereits darauf, nach der Pensionierung das E-Mail Postfach aufzuräumen, E-Mails zu löschen, und hab schon mal aus lauter Lust damit begonnen. Und Abschalten sollte man können! Jesus zieht sich auf seinem Weg mit den Jüngern immer wieder in die Stille zurück, wenn es zu hektisch und laut wird, um Gott in der Einsamkeit nahe zu sein.

In der 5. Woche ist das einfache Leben im Fokus. In unserer Gemeinde kam kurz vor Corona die Idee zu einem Repair-Cafe auf von einem leidenschaftlichen Bastler, unter dem Motto: bei dir muss etwas geleimt werden und ich kann Socken stopfen. In der Lesung hörten wir es: „Schau dir die Vögel an, wie sie fliegen – so leicht und unbeschwert. Der Inbegriff von Freiheit. Gott sorgt für sie. Und er sorgt für Dich. Hör auf, Dich ängstlich an irdische Dinge zu klammern. Die sind vergänglich. Frag vielmehr nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit. Das macht dich frei! Für alles andere ist gesorgt.“

Unsere biblische Geschichte erzählt, wie eine Generation einen großen Fehler macht und die Nächste deshalb leiden muss und 40 Jahre in der Wüste umherziehet. Staub, Hitze, Trockenheit und all die anderen harten Lebensbedingungen muss sie ertragen. Schaffen wir es, schafft unsere Generation es, den Klimawandel in den Griff zu bekommen, oder muss die nächste Generation in der Wüste wandern? Und zwar für deutlich mehr als 40 Jahre. Ein Hoch auf die passionierten Rad- und ÖPNV-Nutzer*innen.

Das Klimafasten ist eine kirchliche Aktion, die in unserer unkirchlichen Umgebung verstanden wird. Da wirkt nichts churchy und doch ist es die Umsetzung unseres kirchlichen Auftrags, unseres Glaubens: Frieden schaffen, Gerechtigkeit üben, Schöpfung erhalten. Darauf kommt es an. Das ist unsere Passion. Unsere Leidenschaft!

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