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Glauben

Gott zum Vorbild?

Jesus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 
(Lukas 6.36 - Jahreslosung 2021)

Ach Jesus, wie soll das funktionieren? Wie sollen wir uns Gott zum Vorbild nehmen? Wir Menschen sind doch so ganz anders als Gott. Wir gönnen dem anderen das Glück nicht. Wollen uns auch nicht mit Armut, Unrecht, Elend, Kriegsfolgen beschäftigen. Wir sorgen uns vor allem um unsere eigene Gesundheit, unser Wohlergehen, unsere Freiheiten, unsere Annehmlichkeiten. Wir wollen es im Leben zu etwas bringen, manche träumen davon, schön, reich und berühmt zu werden. Und gleichzeitig sind wir ohnmächtig, verletzlich, sterblich. Wir sind menschlich, unmenschlich, aber nicht wie Gott.

Jesus, geht das nicht wirklich über unsere Kräfte? Wir haben doch schon genug mit uns und unserem Leben zu tun. Unser kleines menschliches Glück liegt uns am Herzen. Ja, und wir kümmern uns auch noch um die Alltagsprobleme, sogar um die AHA-Regeln und um Solidarität in der Pandemie, und auch das Klima ist uns wichtig geworden. Aber bei allem Engagement, zu dem wir uns aufraffen – Gott nehmen wir uns nicht zum Vorbild. Das wäre doch auch vermessen. Adam und Eva flogen aus dem Paradies, als sie sein wollten wie Gott: allwissend und unsterblich.

Wenn wir uns Gott zum Vorbild nehmen sollen, Jesus, dann müssen wir uns ja ein Bild von ihm machen – das sollen wir aber doch gemäß den Zehn Geboten nicht tun. Und wie sähe Gott aus? Du machst einen Vorschlag: wie ein Vater. Väter sind sehr verschieden. Es gibt die tollen, einfühlsamen, liebevollen und verantwortlichen und es gibt die nur-arbeitenden, die sich der Verantwortung entziehenden oder sogar die gewalttätigen Väter.

Außerdem: Warum soll ich mir ein männliches Bild von Gott machen? Männer sind angeblich das Maß aller Dinge. Egal ob Beruf, Sport, Politik, Forschung oder auch Kirche. Weil ich Frau bin, brauche ich andere Vorbilder als immer nur männliche.

Ach, Jesus, hast du etwa das Bild des Vaters genommen, weil die Barmherzigkeit gerade keine männliche Eigenschaft ist? Ja, ich erinnere mich an einen Satz aus den 60er Jahren: Warte, bis der Papa nach Hause kommt! Wie oft hörte unser Nachbarskind diese Worte. Und abends gab’s Schimpfe, Schläge und Weinen. Dann verlangst du doch wirklich Menschenunmögliches.

Jesus, wenn du von Barmherzigkeit sprichst, dann sehe ich ein großes Herz vor mir, einen Menschen, der sich nicht nur voller Mitgefühl anderen zuwendet, sondern der auch großzügig, liebevoll, aktiv und engagiert ist, der sich freut, weil andere ihm vertrauen und seine Hilfe in Anspruch nehmen.

Und ja, ich denke an deine Geschichte von dem Vater und seinen Söhnen. Ein sehr barmherziger Vater wartet auf seinen Sohn und läuft ihm entgegen, dem „verlorenen“ Sohn, der dem liebenden Vater vertraut. Und der zweite, daheimgebliebene, sich nun missachtet und ungerecht behandelt fühlende Sohn zeigt sich als zorniger, unbarmherziger Bruder. Ob er sich den Vater mit seiner Barmherzigkeit und den Bruder mit seinem Vertrauen zum Vorbild nehmen kann? Jesus, du verlierst kein Wort darüber.

Ich habe einen Vorschlag: Statt „Seid barmherzig“ nehme ich die Übersetzung: „werdet barmherzig“. Ein langer Weg des menschlichen Lernens und Übens liegt vor uns; ich hoffe dabei auf Gottes Barmherzigkeit.

Henny Dirks-Blatt 

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Foto: Henny Dirks-Blatt