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Glauben

Predigt zum 3. So. n. Epiphanias, 24. Januar 2021 Ruth 1, 1-19

Heute predige ich über eine Frauengeschichte aus einem Buch der Bibel, das, was selten genug vorkommt, nach einer Frau benannt ist: Es ist das 1. Kapitel aus dem Buch Ruth. Und es ist der Predigttext für diesen Sonntag, den 24. Januar und damit lautet nach exakt einem Monat die Ortsangabe im Predigttext wieder: Bethlehem. Die Weihnachtsereignisse in Bethlehem enden mit der Flucht der heiligen Familie, und auch heute hören wir von einer flüchtenden Familie. In diesem Buch Ruth gibt es ein Wortspiel mit Namensbedeutungen und das bringt mich dazu, Ihnen bei allen Namen dieser Geschichte die besondere Bedeutung der hebräischen Namen zu nennen und deshalb ist der Text direkt in die Predigt verarbeitet.

Die Familie lebt in Brothaus, das wäre der deutsche Name für Bethlehem. Doch es gibt kein Brot mehr in Betlehem, kein Korn will wachsen und so beschließt der fromme Jude Elimelech, Gott ist König heißt das, mit seiner Familie aus seiner Heimat auszuziehen. Er will für seine Söhne eine gute Zukunft und keinen frühen Hungertod. Er will mit seiner Frau im Frieden und Sicherheit leben. Deshalb zieht er, genau wie sein Urvater Jakob, fort aus dem Elend des gelobten Landes, zusammen mit den Söhnen und seiner Frau Naomi, der Lieblichen, die später einmal sagen wird, sie müsste Mara heißen, die Bittere.

Er zieht fort wie so viele heute, die in ihrer Heimat keine Arbeit mehr finden, bei denen nichts mehr gedeiht wegen des Klimawandels, die keine Perspektive für ihre Kinder sehen, ohne gute Regierung, Ressourcen, Infrastruktur. Und sie alle werden von uns mit einem Makel versehen, denn sie flüchten ja nicht aus politischen Gründen - kein Diktator, kein Krieg, keine verfolgte Minderheit. Und doch ist es politisch, hochpolitisch, denn es geht um das Leben und Überleben von Menschen. Und meistens sind wir schuld an den Fluchtursachen und tun nichts oder viel zu wenig, um die Lebensbedingungen in den Heimatländern zu verbessern.

Und meinen noch dazu, wir müssten sie unmenschlich behandeln, damit nicht noch mehr fliehen. Die Familie aus Bethlehem zieht nach Moab, ins verhasste Moab, das einst beim Zug ins gelobte Land nicht das Volk Israel unterstützte und deshalb auf immer ausgeschlossen sein soll. Genau hier siedeln Elimelech und Naomi mit ihren Söhnen und werden freundlich aufgenommen. Elimelech stirbt bald nach der Flucht. Doch die Familie bleibt in Moab, ja die Söhne Machlon und Kiljon heiraten sogar moabitische Frauen. Offensichtlich sind sie integrationswillig und als Schwiegersöhne willkommen.

Schwach und Krank bedeuten diese Namen der Söhne und wir können bereits erahnen, dass bald darauf von ihrem frühen Tod berichtet wird. Drei Frauen stehen nun allein da, kinderlos und auch schutzlos. Naomi, als die älteste, beschließt, nun doch zurückzukehren in die alte Heimat. Es gibt längst wieder Brot in Bethlehem und dort wird sie auch Schutz finden im Schoß der großen Familie. Wo könnte es sicherer sein als in der Heimat und bei vertrauten Menschen, mit denen man Erinnerungen, Traditionen, Glauben teilt? Zunächst sind sie zu dritt unterwegs. Doch Naomi denkt nach. Wäre es nicht besser, wenn die beiden jungen Frauen in Moab bleiben. Hier sind sie zuhause, hier haben sie eine Zukunft. Noch sind beide kinderlos. Sie können zu ihrem alten Glauben zurückkehren, sie können wieder heiraten, eine neue Familie gründen und vorher können sie wieder in die Häuser ihrer Mütter zurückziehen.

Ja, genauso steht es in der Bibel: ins Haus ihrer Mütter. Und da stolpert doch jeder über diese Bemerkung. Sind die Mütter in Moab besonders wichtig, ist es wie bei den Juden, bei denen das Geborenwerden von einer jüdische Mutter das „Jüdisch sein“ bedingt.

Noch sind sie mit ihrer Schwiegermutter unterwegs, die beiden. Sie weinen über den Vorschlag sich zu trennen. Doch Orpa, das bedeutet: die den Rücken zukehrt, willigt in den Plan ein und dreht um, geht nach Hause zu ihrer Mutter.

Ruth aber, das heißt: Freundin, Begleiterin, weigert sich und besteht darauf, Naomi zu begleiten.

Und dann spricht sie folgende Worte:

„Wohin du gehst, dahin werde auch ich gehen, und wo du übernachtest, da werde auch ich übernachten; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da werde auch ich sterben, und dort will ich begraben werden. Der Herr soll mir antun, was immer er will! Nur der Tod soll uns trennen.“

Was für ein Treueversprechen! Manches Brautpaar wählt es für sich aus und auch der Hinweis, dass im Original die Schwiegertochter dies zur Schwiegermutter sagt, bringt sie auf keine andere Idee. So stur, wie Ruth, bleiben die Brautpaare, denn all das ist ihnen wichtig:

Wir gehen gemeinsam,

wir haben ein Ziel,

wir haben ein Zuhause und einen Glauben

und wir bleiben zusammen ein Leben lang,

egal, was geschieht.

Und wir spüren alle, dass uns Menschen diese Verbundenheit mit anderen, diese ganz besondere Liebesbeziehung, wie sie zwischen Paaren, Eltern und Kindern, sehr guten Freunden und Freundinnen vorhanden ist, so unendlich wertvoll ist.

Und wir spüren, wie sehr es uns zur Zeit schwer fällt, diese Beziehungen oft nur eingeschränkt leben zu können. Weil wir nicht beieinander sein können wie wir wollen, wenn besondere Festtage oder auch Leidenstage uns eigentlich zusammenführen würden. Der Geburtstag findet nur am Telefon statt, im Krankenhaus dürfen nur einzelne Besuche machen. Dem Covid Erkrankten können wir nicht umfassend helfen. Am Grab dürfen nur 25 Menschen stehen, und die Umarmung oder ein warmer Händedruck für die trauernde Familie ist nicht möglich.

Ja, das ist alles unendlich schwer - und überlebenswichtig. Nicht nur für uns selbst, sondern für unzählig viele andere, die unseretwegen krank werden könnten. Solidarisch und miteinander verbunden sein bedeutet zur Zeit: Abstand halten und Rücksicht nehmen. Freundschaftlich begleiten geht momentan genau so und die, die den Rücken zukehren sind nun jene, die sich rücksichtslos über alles hinwegsetzen oder Verschwörungstheorien verfallen.

Bei Ruths Worten höre ich auch Gottes Worte:

„Wohin du geht, da gehe ich mit.“

Wir sind nie allein unterwegs. Im finsteren Tal, am gedeckten Tisch, am frischen Wasser, auf grüner Weide ist Gott bei uns, an unserer Seite, gibt uns Kraft, Zuversicht und Trost.

Dein Gott ist mein Gott. Ich bin verbunden mit denen, die ich nun nicht begleiten kann, im gemeinsamen Gebet, im gemeinsamen Blick auf Jesus Christus, dem Nachfahren dieser Ruth aus Moab, aus der verhassten Fremde, die doch zur Stammmutter wurde, zunächst im Stammbaum des großen König David, dessen Urgroßmutter sie war und dann im Stammbaum Jesu, wie ihn Matthäus überliefert.

Und da sind wir wieder bei der Weihnachtsgeschichte und dem Stern, der über Bethlehem aufging und der Botschaft, die wir so nötig haben in dieser Welt: Fürchtet euch nicht! Gott rettet.

Das ist die Namensbedeutung des Namens: Jesus.

Gott rettet.

Fürchtet euch nicht!

Bleibt solidarisch wie Ruth,

vertraut aufeinander wie diese beiden Frauen

und vertraut auf Gott, der euch begleitet auf all euren Lebenswegen.

Und geht euren Weg, in Freiheit,den Weg des Lebens, der Liebe und der Hoffnung.

Amen

Henny Dirks-Blatt

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Aquarell: Henny Dirks-Blatt