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Glauben

Eine „logische“ Predigt zum Epiphaniasfest 2021

Rune Mields - Genesis: Johannes 1

Eine Predigt zu einem Kunstwerk, das sich auf den ersten Blick kaum erschließt, mit Weihnachten scheinbar nichts zu tun hat; und dann auch noch zu einem für evangelische Christen unerwarteten Termin am 6. Januar. Wie geht das alles zusammen?

Weihnachten ist doch vorüber. Das neue Jahr hat schon begonnen – und wir alle hoffen, dass es besser wird als das vergangene.

Für orthodoxe Christen jedoch beginnt das Weihnachtsfest erst an diesem 6. Januar.

In unserer westlichen Tradition heißt dieser Tag heißt „Epiphanias“, auf Deutsch „Das Erscheinen (Gottes)“. Weil damit nicht alle etwas anfangen konnten (und können), haben die westlichen Kirchen diesen Tag seit Beginn des 5. Jahrhunderts den drei Weisen aus dem Morgenland gewidmet.

Die 1935 in Münster geborene Künstlerin Rune Mields jedoch wählt mit ihrem Werk in meinen Augen einen großartigen philosophischen Zugang zu dem Fest. Ich lade Sie ein, den Weg mitzugehen. Er mag auf den ersten Blick beschwerlich sein. Aber ich bin sicher, er lohnt sich. 

Was sehen wir?

Schnell erkennen wir eine schwarze T-förmige Struktur auf weißem Grund. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes „Tau – Kreuz“, auch Antonius-Kreuz oder Ägyptisches Kreuz. Es hat die Form des letzten Buchstabens des Hebräischen Alphabetes.

Die Bezeichnung "Taukreuz" leitet sich vom griechischen Buchstaben "Tau" ab, der den letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets "Taw" wiedergibt. In der Mythologie des alten Orients steht es für Vollendung. Und beim Propheten Ezechiel zeichnet der Prophet den Gläubigen ein "T-Zeichen" auf die Stirn (Ez. 9,4). Es ist ein Zeichen der Erlösung (Offb 7,2ff.). Schon die Form ist Verheißung.

In diesem Kreuz – so lautet die erste Botschaft -, in diesem Kreuz, das für die Not und das Leid der Welt steht (denken Sie nur an die ungezählten Kreuze auf Soldatenfriedhöfen) ist zugleich die Erlösung unserer Welt beschlossen.

Weitere Klarheit gewinnen wir, wenn wir auf den großen Querbalken schauen. Ganz symmetrisch (und eben nicht chaotisch) ist er mit Buchstaben gefüllt. 10 Zeilen mit je 17 Buchstaben – und am Ende ein Punkt! Bei genauerem Hinsehen entdecken wir so die ersten beiden Verse des Johannesevangeliums. „Im Anfang war das Wort ...“

Sie müssen dazu lediglich die Abstände zwischen den einzelnen Wörtern richtig setzen, um das Wort richtig zu verstehen. Das „Wort“, das auf griechisch „Logos“ heißt. Das Wort, das für Sinn, Logik, Weisheit und den Zusammenhang unserer Welt steht. Ganz unten im senkrechten Balken steht es in griechischen Buchstaben geschrieben. Ich komme noch einmal darauf zurück.

Es geht also um den Ursprung, den Sinn, die „Logik“ einer Welt, in der so viel Unsinniges und Unlogisches geschieht, in der Menschen widersinnig handeln und deren innerer und äußerer Zusammenhang zu zerreißen droht. Es geht um die Erlösung unserer bis zum Zerreißen angespannten Welt.

Davon spricht das 1. Kapitel des Johannesevangeliums, das keine Weihnachtsgeschichte kennt, von Ochs und Esel nichts weiß, aber erzählen will, dass in Jesus von Nazareth – und nur in ihm die Welt ihren inneren Zusammenhang findet.

Worin der besteht, das ist das nächste, was Rune Mields uns vor Augen führt. Der innere Zusammenhang dieser Welt besteht darin, dass sie ihrem Sinn entspricht, ihre Schönheit zeigt, ihr wunderbare Durchdacht-Sein erkennt. Diese Welt ist kein Zufall. Sie ist Schöpfung. Davon berichtet das erste Kapitel im ersten Buch der Bibel. Die Genesis, der Ursprung, die Schöpfung, der Sinn, das Wohlgeordnet-Sein des Kosmos. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Und wie! Planmäßig wie ein Architekt mit seinem Zirkel. Die Welt ist vermessen. Vermessen in ganz anderem Sinn aber auch, wenn sie sich für „selbstgemacht“ hält. Rune Mields zeigt uns den Schöpfer im uralten Symbol des Auges. Und sie zeigt uns, dass dieser Schöpfer unserer Welt ihren Sinn (den griechisch geschriebenen) „Logos“ einpflanzt. Er gibt dieser Welt ihre innere Logik. Das Wort Logos befindet sich in einem hellen Kreis.

Damit sagt mir die Künstlerin: So macht Gott diese Welt zum Abbild seines Augapfels. Das ist der Widerspruch gegen alle „Widersinnigkeit“ und deshalb die Botschaft von der Erlösung.

In dieser Welt leuchtet Sinn auf und gibt der Welt Gottes ihr Licht. Leider erkennen Sie in der Abbildung das Strahlen, das die Buchstaben des Wortes „Logos“ umgibt, kaum. Aber die Anspielung auf den biblischen Text ist eindeutig: „in ihm (dem Logos) war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis …“ (Joh. 1,4)

Und schließlich möchte ich Ihnen noch ein letztes wichtiges Detail in diesem Werk zeigen. Es ist die Hand Gottes, die den Zirkel von oben über diese Welt hält, so dass die Spitzen des Zirkels genau die Mitte und die äußersten Enden dieser Welt erreichen.

Diese Hand Gottes ist filigran gezeichnet. Vielleicht erinnert Sie diese Hand an die Hand Gottes, mit der der Schöpfer den Menschen auf der Darstellung Da Vincis in der Sixtischen Kapelle anrührt. Überraschend aber ist die Fingerhaltung: Der Ringfinger kreuzt hinter dem Mittelfinger und dem Zeigefinger, um den Zirkel gegen den Daumen zu drücken. Das entspricht einem Segensgestus Christi auf ostkirchlichen Darstellungen – also der Christen, die heute Weihnachten feiern.

Feiern wir mit also mit ihnen, dass unsere oft so schwer verständliche Welt ihren Sinn hat und am Ende der Logik Gottes entspringt.

Amen 

PS.: Wichtige Hinweise verdanke ich wieder einmal Kurt Peter Gertz und seinem wunderbaren Buch: Weihnachten in der modernen Kunst, B. Kühlen Verlag, 2015

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Rune Mields - Genesis: Johannes 1