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Glauben

Eine „un - gehaltene“ Predigt zum 28. Dezember 2020

Pieter Bruegel d. J. - Kindermord zu Bethlehem

Liebe Leserinnen und Leser,

eine Predigt zum 28.12.2020 ist nahezu zwangsläufig ungehalten. Denn wer käme schon an einem Montag in den Gottesdienst, nachdem es normalerweise an vier Tagen hintereinander mehr als genug Gottesdienste gegeben hätte – hat es aber nicht. Leider. Aus den allseits bekannten Gründen. Und auch das mag manchen durchaus ungehalten gestimmt haben.

So wie mich das Thema eines nachweihnachtlichen Abschnitts ungehalten macht, über den ich noch nie gepredigt habe. Ungehalten eben. Der Evangelist Matthäus erzählt darin, was drei Tage nach der Geburt Jesu geschieht (Matthäus 2,13-18 aus der Basisbibel):

Ein Engel des Herrn erschien Josef im Traum und sagte: »Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.« Josef stand mitten in der Nacht auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog mit ihnen nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod von Herodes. Herodes merkte bald, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten. Da wurde er sehr zornig. Er ließ alle Kinder in Betlehem und in der ganzen Umgebung töten: alle, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach dem Zeitraum, den er von den Sterndeutern erfragt hatte. So ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten Jeremia gesagt hat: »Geschrei ist in Rama (einer Stadt in der Nähe von Jerusalem J.L.) zu hören, Weinen und Klagen. Rahel (die Ahnmutter J.L.) weint um ihre Kinder. Sie will sich nicht trösten lassen, denn die Kinder sind nicht mehr da.« 

Heute also soll diese menschliche Schattenseite des Weihnachtsgeschehens nicht verschwiegen werden. Denn heute ist der „Tag der unschuldigen Kinder“. In mancher katholischen Gegend wird er bis heute begangen. Bekannt geworden ist er durch den früheren Bischof von Fulda, Johannes Dyba (1929-2000), der an diesem Tag die Glocken in seinem Bistum läuten ließ – als Protest gegen die vielen Abtreibungen im Lande. Seine menschliche und theologische Not kann ich gut verstehen! Seine Art damit umzugehen jedoch viel weniger! Aber das wäre ein anderes Thema.

Hin wie her also, die grausige Geschichte geht uns offensichtlich bis heute an: „»12.000 Mädchen und Jungen wurden 2018 Opfer von Kriegen oder bewaffneten Konflikten. Das ist ein trauriger Rekord. Nach 8.000 Opfern 2016 und 10.000 2017 ist der negative Trend ungebrochen«, sagte Birte Kötter, Vorstand Kommunikation von terre des hommes.“ (https://www.presseportal.de/pm/9646/4337971, aufgerufen am 22.12.2020, 13.00 Uhr)

Und die Liste der Grausamkeiten ließe sich beliebig verlängern! Flüchtlingskinder auf Lesbos, an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, Pädophilen-Netzwerke und – für mich unerträglich: Missbrauch in der Kirche! Eine ungehaltene Predigt ist angesagt. Eine Predigt, die unsere Kirche und unsere Gesellschaft beunruhigen und aufrütteln will. Die biblische Geschichte bedrängt uns bis heute. Gott ist nicht weltfremd. Herodes, der mordende Psychopath, ist kein einmaliger Ausnahmefall. An ihm können wir lernen: es gibt Menschen, die sich der Menschlichkeit – insbesondere der Menschlichkeit Gottes – mit größter Brutalität entgegenstellen. Menschen, die kein Interesse am Heil der Welt haben. Menschen, denen der vermeintliche eigene Vorteil und die Durchsetzung der eigenen Macht das Wichtigste sind.

Für Christen ist das eine unerträgliche Vorstellung.

Dieser Überzeugung war ganz offensichtlich auch Peter Bruegel d.J., als er vermutlich ein älteres Bild seines Vaters „Der Kindermord von Bethlehem“ kopierte und dabei vielleicht auch interpretierte. (die Beziehung ist nicht ganz klar, das Werk des Vaters scheint wiederholt übermalt und deutlich verändert zu sein. J.L.)

Die Landschaft ähnelt der des vorweihnachtlichen Bildes Peter Bruegel d.Ä. von der Herbergssuche aus dem Jahr 1566, das ich Ihnen am 1. Weihnachtstag gezeigt habe. Dass das kein Zufall ist, zeigt schon ein kleines Detail: rechts ist ein Wirtshaus zu sehen, dessen Name durch einen Wimpel kenntlich gemacht ist: „Stern“ – eine Anspielung auf die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, die das neugeborene Kind in Bethlehem besuchen.

Aber: dieses heute in Wien zu besichtigende Werk holt das Geschehen in die sehr konkrete Geschichte der Niederlande im ausgehenden 16. Jahrhundert. Es macht Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig.

Hier, beim „Kindermord“ aber gibt es keine wohltuende Normalität mehr. Weder in Bethlehem noch in den Niederlanden des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Das Geschrei ist groß. Eltern flehen um das Leben ihrer Kinder, dass es in den Augen wehtut. Mütter brechen über ihren ermordeten Söhnen und Töchtern zusammen. Soldaten plündern und morden. Ihre bewaffnete Übermacht ist unverkennbar und erdrückend. Mir ist, als hörte ich das „Geschrei in Rama. Weinen und Klagen.“

Das ist kein Spielfilm. Das ist Wirklichkeit. In Folge konfessioneller Konflikte und politischer Machtspiele kam es 1566 in den Niederlanden zum Bildersturm und zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen und grausam bestraft wurden.

Historische Einzelheiten möchte ich Ihnen ersparen. Ich meine, sie sind heute auch nicht wichtig. Denn wir spüren ja, dass wir hier dem zeitlosen Grauen ins Gesicht starren. Mich macht es nicht nur ungehalten, sondern fassungslos. Es hat sich nichts, aber auch gar nichts verändert. Und bis heute zahlen die Kinder den schlimmsten Preis für den Wahnsinn Erwachsener!

Das friedlich schöne Bild von der Herbergssuche und das auf den ersten Blick ebenso schöne Landschaftsbild vom „Kindermord“ werden gemeinsam zum Aufschrei. Zum Schrei nach Hilfe: Nehmt die Kinder wahr. Bietet ihnen Obdach und Schutz. Lasst sie behütet aufwachsen. Sie sind die Zukunft, die Gott Euch schenkt!

Wer Weihnachten ernst nimmt, kommt um diese Einsicht nicht herum.

Vielleicht spüren Sie, warum mir diese un – gehaltenen Gedanken auf der Seele liegen: Nach Weihnachten – dem Fest der Menschlichkeit Gottes – fängt unsere menschliche Arbeit für die Welt erst so richtig an.  Lassen Sie sich dabei nicht, durch nichts und niemanden, entmutigen. Und vergessen Sie nie: Wenn Sie sich für die großen und die kleinen Kinder einsetzen, haben Sie Gott auf ihrer Seite. Das steht seit der Heiligen Nacht endgültig fest.

Bleiben Sie behütet

Ihr Joachim Lauterjung

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Pieter Bruegel d. J. - Kindermord