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Glauben

Eine „un – erwartete“ Predigt zum 1. Weihnachtstag 2020

Pieter Bruegel d. Ä. - Herbergssuche

Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich – ja eigentlich – wollte ich mir ja für den 1. Weihnachtstag gar keine Predigt überlegen. Aber nun ist alles anders gekommen. Sie wissen schon warum.

Für mich ist das Grund und Anlass genug, nun doch – ganz unerwartet – über eine Predigt nachzudenken und Ihnen ein paar weihnachtliche Gedanken zum 1. Weihnachtstag (mit dem das Fest ja „eigentlich“ erst so richtig beginnt), zukommen zu lassen.

Und weil ich nun diese Gedanken so unerwartet für Sie schreibe, habe ich beschlossen, auch gleich eine Predigt über das „Unerwartete“ zu schreiben. Keine Sorge, es wird keine schwere Predigt, wollen die Ereignisse der letzten Wochen und vielleicht auch die Köstlichkeiten des gestrigen Abends ja erst einmal verdaut werden. Vielleicht können meine Gedanken ja dabei ein wenig helfen.

Also zum Ersten und Wichtigsten an Weihnachten: Unerwartet kam die Geburt des Christkindes nach biblischer Tradition für Maria – und vor allem für Joseph. Das Jesuskind war nicht geplant. Es kam zu früh. In jeder Hinsicht.

Aber das muss uns nicht wirklich überraschen. Gott ist oft zuvorkommend. Seine Liebe und sein guter Wille kommen unserem Tun und Lassen sogar immer zuvor ….

Also ist es auch zumindest an Weihnachten nicht ganz so schlimm – meine ich –, wenn wir mal etwas spät dran sind. „Manchmal kommt Weihnachten ja auch wirklich unerwartet“ – das ist in meiner Herkunftsfamilie zum geflügelten Wort geworden, wenn einzelne (ich war es nicht!) am Morgen des 24. Dezembers noch mal „schnell“ in die Stadt mussten, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Vielleicht ist dieses ja durchaus verbreitete Phänomen ein Indiz dafür, dass wir uns zu sehr an Weihnachten gewöhnt haben, dass Weihnachten etwas Alltägliches geworden ist – spätestens seitdem wir Spekulatius schon kurz nach Herbstferien kaufen können …

Oder ist es vielleicht doch eher ein versteckter Hinweis darauf, dass wir uns gar nicht so recht auf Weihnachten einstellen und einstimmen können – gerade wegen der Hektik, die die Adventszeit oft prägt?

Schon das ist in diesem Jahr ganz anders. Bei manchen ist der (Arbeits-) Druck unerträglich, andere aber kommen mit der Ruhe und der erschreckenden Tatsache, zum Nichtstun verdammt zu sein, nur schwer zurecht. Aber dann haben die Geschäfte ja doch wieder früher geschlossen.

Damit aber bin ich nun endgültig bei dem Bild von Peter Bruegel aus dem Jahr 1566 angekommen, das mich durch die letzten Tage begleitet hat: ein solch geschäftiges Treiben ohne Maske und ohne Abstandsregeln, das hätten sich ja viele gewünscht. (Leider haben es auch manche getan!) Da geht es zu wie auf dem Essener Weihnachtsmarkt – nur dass die Eisbahn schon da ist und nicht erst später kommt. Wir wissen gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollen. So viel gibt es zu entdecken: spielende Kinder; schwer beladende Menschen, Zimmerleute, die ein Gebäude „zu Stande“ bringen, sogar ein Schnellimbiss mit frischem Schweinebraten ist zu entdecken.

Und der steht genau an der richtigen Stelle: da, wo die meisten hinwollen. Vor dem Gasthaus herrscht das größte Gedränge. Dort werden Listen geführt und Geld über den Tisch gezogen.

Auf den ersten Blick verrät uns nur der Titel des Bildes, worum es da geht. Bruegel macht uns zu Augenzeugen der Volkszählung in Bethlehem. Die Bibel erzählt, dass der kleine Ort in der judäischen Wüste (ich habe ihn wirklich einmal verschneit gesehen!) völlig überfordert ist. Die Zahl derer, die dort eintreffen, um sich gegen Gebühr in die unbeliebten Steuerlisten einzutragen, kommt unerwartet. Von all dem erzählt dieses wunderbare Kunstwerk.

Das Entscheidende aber bleibt unseren umherschweifenden Blicken beinahe verborgen.

Haben Sie Maria und Joseph aus Nazareth schon unter den vielen Menschen entdeckt? Sogar Ochs und Esel haben sie schon dabei. Damit die Krippe richtig ausgestattet werden kann. So wie es sich gehört. (Aber das wäre eine andere Predigt)

Nur haben die Gasthäuser schon alle wegen Überfüllung geschlossen. Für überraschende Gäste ist kein Platz mehr. Jedenfalls nicht im Bethlehem zur Geburt Jesu.

Und bei uns? Das ist die Frage, die der Maler uns stellt. Denn er holt die Geschichte in seine Zeit und seine Landschaft. Weihnachten wird zeitlos. Es kommt eine ewige Wahrheit zur Sprache. Also eine, die auch uns betrifft.

Keiner scheint Maria und Joseph wahrzunehmen. So normal und alltäglich wirken sie. Zwei von ungezählten Menschen, deren Namen und Schicksal kaum jemand kennt.

Und dennoch geschieht hier etwas überraschend anderes. Hier kommt Gott in die Welt. Kommen wir also zur Ruhe. So steigen unsere Chancen, ihn auch heute in unserer Mitte zu entdecken, ganz enorm. Sie wissen ja: Gott ist immer schon überraschend zuvorkommend!

Gesegnete Weihnachten!

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Pieter Bruegel d. Ä. - Herbergssuche