Zum Inhalt springen

Glauben

Eine „aus – gefallene“ Predigt zum 2. Weihnachtstag 2020

Hirten und Engel auf dem Felde

1948. Der zweite Weltkrieg mit all seinem Grauen ist gerade 3 Jahre vorüber. Die Welt hat sich noch lange nicht von der menschengemachten Katastrophe erholt. Viele Städte liegen noch in Trümmern. Manch Ältere aus unserer Gemeinde können noch anschaulich von damals erzählen. Den meisten jedoch ist diese Welt fremd. Aber Trümmer und zerstörte Hoffnungen gibt es auch heute. Tote sind zu beklagen. Menschlichen Katastrophen. Und menschengemachte auch.

1948. Der 1894 in Rheydt geborene und 1961 hier in Essen verstorbene Werner Gilles greift zu Papier und Pinsel, um von der Hoffnung zu erzählen. Er schafft dieses ungewöhnliche und wunderbare Aquarell, das ich Ihnen heute zeigen möchte (62,5x48 cm, Privatbesitz).

Auf den ersten Blick gibt es eine klare Grenze zwischen Himmel und Erde, eine Zweiteilung der Welt in Oben und Unten: Die waagerechten hellblauen Linien auf graubraunem Grund im unteren Drittel markieren unsere Menschenwelt, die „Hirten auf dem Felde“.

Darüber erstreckt sich der Himmel. Ein ‚geteilter Himmel‘ (so der Titel einer Erzählung von Christa Wolf kurz vor dem Mauerbau 1961 und in ganz anderer Bedeutung auch der Titel einer Ausstellung zum Reformationsjubiläum 2017 im Essener Ruhrlandmuseum)

Links sehen wir im hellen Gelb - als wäre es die Sonne - vier Engelsgestalten; rechts eine blaue, von Strichen durchzogene blaugrüne Fläche. Die Weite des Universums. Ich komme am Ende darauf zurück.

Aber der erste Eindruck täuscht. Himmel und Erde sind nicht so klar getrennt, wie wir denken. Jedenfalls nicht überall. Im Gegenteil. Nicht nur, dass die Hirten sich auf ganz unterschiedliche Weise dem Licht entgegenstrecken und schon so die Grenze zwischen Himmel und Erde überschreiten. Der Künstler findet noch ein ganz anderes Mittel, um uns diese Grenzüberschreitung vor Augen zu führen. Es sind die Farben. In den Menschengestalten spiegelt sich „Himmelslicht“ (so der vieldeutig sprechende Titel einer großartigen Ausstellung gotischer Fenster des Kölner Schnütgen-Museums im Jahre 1998). Es leuchtet über und in der dunklen Welt auf. In all seinen bunten, fröhlichen Farben.

Unsere dunkle, kalte Welt erfährt Wärme. Sie beginnt zu leuchten und zu strahlen. „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt“. So dichtet Jochen Klepper in der Welten - Finsternis des Jahres1938. Er zitiert dabei biblische Worte (1. Könige 8,12) und bringt damit die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt.

Es ist, als würden Engel und Hirten einander ergänzen. Als Gebende und Empfangende. Als Tanzende und zur Ruhe Kommende. Der Himmel steht Kopf (jedenfalls teilweise), und die Erde richtet sich neu aus: Nichts mehr selber tun, sondern von uns selbst absehen – und genau darin ganz bei uns sein! Diese Botschaft bewegt mich an den so unterschiedlichen Gestalten, die allesamt knien und gerade darin aufrecht und nicht gebeugt sind. Mit ihrer Haltung nehmen sie den waagerechten Linien einer Welt, die nicht über ihre Horizontale hinauskommt, ihre Schwere. (Beachten Sie auch die Schafe, die zwar mit erhellt sind, aber den Horizont nicht überschreiten.)

Und im Himmel herrscht Trubel. Heilsames Chaos. Die Dynamik der Engel hat Spuren hinterlassen. Viele kleine Lichtflecke in allen Farben. Zwei Engel im rasanten Sturzflug- wann hat man so etwas gesehen? Sturzflüge ja, aber Engel waren das nicht, sondern todbringende „Stukas“ - Sturzkampfflieger (so der Name des deutschen Kampffliegers Ju 87). Besonders der linke untere Engel mit dem leuchtenden Weiß erinnert mich an ein solches Flugzeug. Sie auch?

Hier aber wird das, was vielen zwischen 1939 und 1945 so bekannt war, zu etwas ganz anderem: Es scheint, als könnten die Engel gar nicht anders, als schnellstens Himmelslicht zu den Menschen zu bringen. Wie ihre Botschaft im Klartext lautet, ist eindeutig. Ganz oben sehen wir einen segnenden Engel, der sich liebevoll herabbeugt; und in der Mitte in leuchtendem Weiß noch einen zweiten, der schützend seinen Flügel über der Welt ausbreitet. Das alte Gebet meiner Kindheit geht mir durch den Kopf: „Breit aus die Flügel beide.“

Ja, das ist die Weihnachtserfahrung der Hirten.

Was bleibt, ist die Frage nach dem von Strichen durchzogenen dunklen Teil des Himmels. Klar, eindeutig und hart ist er vom göttlich-himmlischen Freudentaumel abgegrenzt. Und im Unterschied zu einem anderen Interpreten dieses Bildes (Kurt-Peter Gertz, dem ich den Fund verdanke) sehe ich in den hellblauen Strichen (der Farbton findet sich auch in den waagerechten der Erde) keine Sterne.

Ganz im Gegenteil: zuerst erinnern mich diese Linien an die irrlichternden hellen Strahlen der nächtlichen Flak, die Angst, Schrecken, Zerstörung und nahenden Tod über den Städten ankündigten. Auch hier in Essen, in Dresden, in Coventry.

Das ist die Wirklichkeit unserer Welt. Oft genug – Gott sei’s geklagt bis heute: menschengemachte Katastrophen – eine nach der anderen. Wenn ich aber genauer hinschaue, entdecke ich noch etwas ganz anderes: All diese Striche sind durchkreuzt. Und das dann schon zu Weihnachten wohl auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich sehe hier sogenannte „Kleeblattkreuze“, von denen es (auf der Homepage der Katholischen Kirche in Deutschland) heißt: „Die dreiblättrigen Kleeblätter werden als Zeichen für die Dreifaltigkeit gedeutet und stehen damit für Gottvater, Sohn und Heiliger Geist. Oft findet sich das Kleeblattkreuz als Sterbekreuz bei Beerdigungen und wird auch Lazaruskreuz genannt. Auf dem Friedhof spendet das Kreuz Trost und Hoffnung und ist ein Zeichen für die Auferstehung.“ (https://www.katholisch.de/artikel/19253-diese-zehn-kreuze-sollten-katholiken-kennen , abgerufen am 19.12.2020, 13.10 Uhr)

So betrachtet gewinnt dieses weihnachtliche Kunstwerk für mich einen noch tieferen, weihnachtlichen Sinn: im neu geborenen Jesus kommt Gott zur Welt und in die Welt. In eine Welt, die von Krieg, Leid und Todesgefahr zerfurcht ist. Er macht diese Welt hell. Und er setzt dem Menetekel der Waffen am Himmel das Kreuz entgegen. Schon am allerersten Weihnachtstag leuchtet das Ziel göttlichen Handelns auf: das Kreuz, das die scheinbar unüberwindbare Macht von Tod und Gewalt durchkreuzt. Damit das Leben siegt.

Amen

Dass wir über dieses Bild nicht im Rahmen eines „Kunst und Glaube“ – Gottesdienstes gemeinsam nachdenken können, ist der Sorge um unsere Gesundheit geschuldet. Die Corona – Pandemie führt uns die Verletzlichkeit des Lebens und unserer Welt erschreckend neu vor Augen. Möge die Betrachtung des Bildes von Walter Gilles uns deshalb verdeutlichen, welche Bedeutung das helle Licht der Weihnacht schon immer für uns hat.

Ihr Joachim Lauterjung

Zurück
3030-12-26_Werner_Gilles_Hirten_und_Engel_auf_dem_Felde_1948.jpg
Werner Gilles Hirten und Engel auf dem Felde 1948