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Glauben

Eine „un - bedachte“ Predigt zum 24.12.2020

Das Bernward Evangeliar

Heute, liebe Leserinnen und Leser, wollte ich „eigentlich“ mit Ihnen einen ungewöhnlichen Heiligabend-Gottesdienst feiern. Nicht in der wohlig-warmen Kirche, sondern „open air“ vor der Kirche! Und so – um die Herzen zu erwärmen – ausnahmsweise zugleich etwas von der Kälte und Unbehaustheit des Stalls von Bethlehem zu spüren.

Corona war an den ungewöhnlichen Plänen schuld. Nun aber ist alles noch einmal ganz anders gekommen. Wir können gar nicht gemeinsam Gottesdienst feiern. Corona sei’s geklagt. Und womöglich liegt es auch ein wenig an menschlicher Leichtfertigkeit in den vergangenen Wochen?

Hin wie her: Weihnachten lässt sich nicht aufhalten. Das Fest ist von Corona nicht abhängig. Gott sei Dank. Und die andere Art zu feiern, kann uns helfen, das Fest noch einmal neu zu bedenken. Was vielleicht gar nicht so schlecht ist.

Denn bei meinen Überlegungen, Weihnachten mit Ihnen „open air“ zu feiern (!), ist mir der Gedanke gekommen, „open air“ sei ja schließlich per definitionem „unter offenem Himmel“.

Und genau das ist der Sinn des Festes: „Der Himmel steht offen“. Ungezählte Lieder erzählen davon: „O Heiland reiß die Himmel auf“ erhofft wörtlich genommen genau das, was mir anfangs die größte Sorge für diesen Heiligen Abend war: einen gewaltigen Platzregen: „Herab, herab vom Himmel lauf.“

Geht es doch im übertragenen Sinn genau darum, dass uns der Himmel heute offensteht und wir nur hinschauen müssen.

Davon erzählt das Bild, das ich für diesen besonderen Tag ausgesucht habe. Es stammt aus dem mittelalterlichen Bernward- Evangeliar und ist eine der ungewöhnlichsten Weihnachtsdarstellungen, die ich kenne.

Das Entscheidende sehen wir auf den ersten Blick: Da ist eine klare waagerechte Linie, die Oben und Unten trennt. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Aber genau in der Mitte dieser Linie sehen wir einen blauen Kreis mit einem Stern darin. Und an diesem Stern hängt die Krippe mit dem neugeborenen Jesus darin. Er „schwebt“ vom Himmel herab. Denn: die fünf Strahlen zwischen dem Stern und dem „Krippenkasten“ haben ja keine tragende Funktion, sondern zeigen uns, wie das Licht, das durch den offenen Himmel hindurchstrahlt, sich über der Erde ausbreitet. Ob die Zahl „fünf“ dabei symbolträchtig ist und zum Beispiel auf die fünf Bücher Mose verweist, sei dahingestellt.

Wichtiger ist, dass das leuchtende Gold dieser Krippe uns zeigt: hier beginnt der Himmel auf Erden. Wie bedeutsam das ist, möchte ich Ihnen später noch an einem weiteren Detail zeigen.

Schauen wir aber zuerst einmal auf den offenen Himmel, in dem die Bewegung des Bildes ihren Anfang nimmt. Wir sehen den in einem kunstvoll gestalteten Kreis thronenden Christus. Zu seiner Rechten und seiner Linken stehen zwei Engel, die nach oben offenen goldenen Halbkreise mit den nach unten gerichteten zwölf (!) dreieckigen Zacken betonen die Abgeschlossenheit des himmlischen Raumes, in dem alles nach oben strebt, als gäbe es die Erde nicht.

Aber: dieser Christus hat in der rechten Hand das Abbild eines Lammes mit einem Kreuz hinter dem Kopf und in der linken ein Textschild „Vita“ – „Leben“. Wenn wir das ernst nehmen - und wir sollten es tun - dann ist die Botschaft: im Himmel steht von vorn herein unsere Erlösung im Mittelpunkt. Es ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegträgt und uns so das Leben schenkt. Das ist die Botschaft der Weihnacht, des offenen Himmels.

Und so können wir auch auf unsere Welt und ihr Schicksal schauen. Das ist auf den ersten Blick alles andere als erfreulich. Wer in diesen Tagen die Nachrichten hört, kann etwas von dem Grauen spüren, das hier abgebildet ist. Den beiden Menschen Adam und Eva, der Menschheit also, steht das Wasser bis zum Hals. Eva trägt ihre Kinder Kain und Abel schon auf dem Leib. Sie und wir alle sind bedroht. In der Bildsprache der damaligen Zeit ist es das Ungeheuer aus der Meerestiefe. Der biblische Leviathan (Hebräisch: der sich Windende) will alles verschlingen. Er schnappt nach dem Kind in der Krippe. Er will nicht, dass das Heil zur Welt kommt und das Leben gewinnt. Denn das wäre das Ende des Bösen.

Und hinter Eva windet sich die Schlange am Baum der Erkenntnis empor. Vielleicht erinnern Sie sich noch, was in der Schöpfungsgeschichte, was über die beiden besonderen Bäumen im Paradies gesagt: Der eine ist der „Baum des Lebens“ – der Zusammenhang mit dem Himmel ist klar. Der andere ist der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, von dem Adam und Eva essen. Ich frage mich immer öfter, ob damit nicht ein zentrales Problem der Menschheit beschrieben ist. Wenn wir für uns selber beanspruchen, zu wissen, was Gut und Böse ist, dann werden viele andere fast von selbst zu „den Bösen“. Dann gibt es „das Reich der Guten“ und „das Reich der Bösen“. Dann gibt es eine Spaltung der Menschheit, die zu ungezählten Kriegen und unendlicher Not geführt hat. Dabei steht uns doch allen oft genug das Wasser bis zum Hals. Wenn wir das in diesen Tagen nicht spüren – wann denn dann. Die Menschheit ist erlösungsbedürftig. Das ist die Aussage der unteren Bildhälfte.

Und diese Erlösung können wir uns nicht selber geben. Wir stecken fest, viel zu tief im Sumpf.

Aber wir müssen es auch nicht: Der Himmel steht offen. Die Welt ist unbedacht – und gerade darin liegt die weihnachtliche Botschaft von der Hoffnung.

Wie sehr das gilt, zeigt uns zum Schluss das versprochene kleine goldene Detail: unter dem Leviathan sehen Sie zwei goldene Fische. Aber war Gold nicht die Farbe des Himmels? Was also haben die beiden goldenen Fische dort zu suchen? Ist Gott in der Tiefe menschlicher Not gegenwärtig? Genau das ist die Botschaft! Diese beiden Fische erinnern uns daran, dass all unser Hunger nach Leben auf wunderbare Weise gestillt wird. Die Fische sind eine Anspielung auf die Geschichte von der Speisung der Fünf(!)tausend Menschen in Matthäus 14. Dort haben die die Jünger fünf (!) ‚Brote und zwei (!) Fische – und alle werden satt. Ja, es bleiben sogar zwölf (!) Körbe übrig.

Wenn das nicht der Himmel auf Erden ist! Gesegnete Weihnachten.

Ihr Joachim Lauterjung

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Inkarnation Bernward Evangeliar